Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Adam Smith – ein Markt-
fundamentalist?
Rezension von: Reinhard Blomert,
Smiths Reise nach Frankreich oder
die Entstehung der Nationalökonomie,
Die andere Bibliothek, Berlin 2012,
310 Seiten, gebunden, D 35.
ISBN 978-3-847-70335-8.
„Es geht in dem folgenden Essay um
nichts weniger als um die Korrektur ei-
nes seit dem neunzehnten Jahrhun-
dert verzerrten Bilds von Adam Smith,
als man den berühmten schottischen
Moralphilosophen zum Urvater eines
radikal-darwinistischen Marktverständ-
nisses erklärte.“ Dies stellt Reinhard
Blomert auf Seite 7 des vorliegenden
Bändchens in Aussicht.
Ist der Versuch gelungen? Nun, er ist
durchaus gelungen, jedenfalls wenn
wir einen deutlich breiteren Referenz-
rahmen anlegen, als er in Blomerts ein-
leitend-programmatischer Absichtser-
klärung zum Ausdruck kommt – und
wenn wir auch jene Ansprüche an den
Text etwas diskontieren, welche der
Untertitel nahelegen könnte. Denn was
sind die inhaltlichen Stärken des gefäl-
lig geschriebenen, bibliophil aufge-
machten und in nummerierter Edition
erschienenen Leinenbändchens?
Vor allem skizziert der Autor mit eini-
ger Umsicht, welch widerspruchsvolle
Übergangszeit Smiths 18. Jahrhundert
war. In Blomerts Skizze prägen beson-
ders deutlich drei Aspekte die Szene-
rie: Erstens die große europäische Po-
litik, nicht zuletzt die Rivalität zwischen
Frankreich und Großbritannien, die
schon auf andere Kontinente übergriff,
insbesondere auf Nordamerika. Zwei-
tens die Widersprüche und Wechsel-
fälle des französischen Absolutismus
und seines kulturellen Milieus zwi-
schen Krisenerscheinungen und Re-
formeifer, zwischen Bigotterie und Auf-
klärung, zwischen höfisch geprägten
Herrschaftsstrukturen, den Salons und
der Entwicklung des Dritten Standes.
Diese Widersprüche arbeitet Blomert
drittens auch anhand (ideen)ge-
schichtlich bedeutender Figuren wie
vor allem Voltaires heraus, dessen Le-
ben und Wirken plastisch geschildert
wird. Auch führende physiokratische
économistes wie Quesnay und Turgot
werden uns nähergebracht.
Adam Smith schätzte Voltaire (den er
auf seiner Frankreich-Reise traf) be-
kanntlich sehr, trotz aller Unterschiede
in Temperament und theoretischer
Perspektive. Die französischen Phy-
siokraten waren für ihn im Zuge der Ar-
beit am „Wealth of Nations“ zweifellos
von großer Bedeutung. Und Smith in
Bezug zur Geschichte Frankreichs des
18. Jahrhunderts zu setzen, führt uns
trefflich vor Augen, dass Smith keine
Lokalgröße, sondern ein Denker von
europäischem Format war.
All dies referiert Blomert in lockerem
Erzählton, eingeflochten in die Story
von Smiths Frankreich-Reise (1763-
1765), welche diesen als Tutor des jun-
gen Herzogs von Buccleuch nach Tou-
louse, Genf und in die intellektuellen
Salons von Paris führte. Diese Art der
Darstellung führt natürlich zu einem
Bild, das in Hinblick auf seine Tiefen-
schärfe nicht mit jenem zu vergleichen
ist, das etwa Donald Winch seit Jahr-
zehnten von den Bezügen Smiths zum
britischen 18. Jahrhundert zeichnet.
Dies gilt auch für die im einleitenden Zi-
tat angekündigte Neuinterpretation
Smiths, welche der im 19. Jahrhundert
aufgekommenen Perspektivierung
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Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2
        

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