Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

spezifischer Vorurteile und nicht durch
die Verhinderung/Lösung realer Pro-
bleme der involvierten Gruppen gelöst
werden.
Schon der Untertitel des Buches „Ein
tabubelastetes Thema“ weist auf die
Kernaussage des Buches hin: Die Be-
hauptung, dass es eine reale Basis für
Minderheiten-Mehrheiten-Probleme
gebe, sei in der Folge des Holocaust
seit den Fünfzigerjahren und weitge-
hend auch noch heute tabu. Die Auffor-
derung zur Erörterung empirisch fest-
stellbarer und begründbarer Interes-
senkonflikte werde als Versuch einer
Abminderung von Schuld interpretiert
und könne nicht geduldet werden. Wer
dieses Tabu breche, würde sofort in die
rechtsradikale Schmuddelecke gestellt
und mundtot gemacht.
Kramer und Schediwy meinen, dass
damit ein schwerwiegender Fehler ge-
macht werde. Ex post würde man der
unheilvollen Geschichte Mitteleuropas
nicht wirklich gerecht werden können,
ex ante aber verbaue man sich die
Möglichkeit, durch konkrete, empirisch
fundierte Maßnahmen nicht ganz un-
wahrscheinliches neues Unheil eben-
da zu vermeiden. Die Verfasser gehen
sogar so weit, zu meinen, dass neues
Unheil nicht nur nicht unwahrschein-
lich, sondern eher wahrscheinlich sei,
und weisen vor allem auf die islami-
schen „Parallelgesellschaften“ hin, die
sich in manchen westeuropäischen
Demokratien zunehmend bildeten.
„Paralellgesellschaften“ seien dann
gegeben, wenn – oft aus religiösen, oft
aber auch aus anderen Gründen – eine
einseitige, oft aber auch gegenseitige
Absonderung/Abschließung zwischen
Minderheit und Mehrheit geschähe,
welche die Lebensmöglichkeiten der
beiden Gruppen begrenzten. Von
grundsätzlicher Bedeutung würde dies
vor allem, wenn eine wachsende Min-
derheit die Wertordnung der Mehr-
heitsbevölkerung (z. B. den sekulären
Staat) nicht zu akzeptieren bereit sei,
sich nicht „integriere“ oder „assimilie-
re“. Ein Kulturkampf und Schlimmeres
wären dann wahrscheinlich, Radikali-
sierung und Extremismus wahrschein-
lich die Folge. Integration und Assimi-
lation brauchten relativ lange Zeit. Ge-
schähe die Minderheitenbildung aber –
meist als Folge besonderer politischer
und/oder politischer Gegebenheiten –
sehr rasch, dann sei die Zeit zu kurz
und der Konflikt vorprogrammiert. För-
dere man die Abschottung durch Hei-
ratsverbote zwischen Mehrheit und
Minderheit, dann sei die Abschließung
umso wahrscheinlicher. Die politische
Schlussfolgerung daraus müsse wohl
sein, Immigration zeitlich zu dehnen,
Immigranten mit kompatibleren Wert-
vorstellungen zu bevorzugen, Heirat
über Gruppengrenzen zu fördern, Fa-
milienzusammenführung eher einzu-
dämmen etc.
Kritiker werden wahrscheinlich sa-
gen, dass „die Kuh doch schon aus
dem Stall sei“, d. h. dass alles, vor dem
im Zusammenhang mit islamischen
Parallgesellschaften gewarnt wird, ei-
gentlich bereits passiert und in unseren
Städten schon zu besichtigen sei. Ro-
bert Schediwy (leider ist Jost W. Kra-
mer mittlerweile verstorben) würde
möglicherweise als Antwort auf die be-
unruhigende Entwicklung in Nordafrika
und auf verstärkte Fluchtbewegungen
nach Europa hinweisen und Probleme
voraussagen, welche aus Sicht der von
ihm kritisierten „Gutmenschen“ primär
wohl eine moralische Herausforderung
für die Zielländer und nicht mehr be-
deuteten, für einen „Realisten“ aber
eine unvorstellbare Verschärfung
schon bestehender realer Probleme.
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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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