Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Tatsächlich ist es diese Auseinan-
dersetzung mit den „Gutmenschen“
(vor allem mit den Anhängern Ador-
nos) und ihren politischen Anschaun-
gen bezüglich der Minderheitenfrage,
die das Buch treiben – eine Auseinan-
dersetzung, die Robert Schediwy (in
der Literatur nachzulesen) schon seit
den Siebzigerjahren führt. Nicht die
konkreten Maßnahmen sind so sehr
sein Erkenntnisziel, als der richtige em-
pirisch-kritische Denkstil, mit dem das
Minderheitenproblem zu betrachten
und zu lösen ist.
Nichtsdestoweniger gibt es im „Aus-
blick“ doch eine Reihe konkreter politi-
scher Vorschläge. Interessant scheint
die Forderung nach einer Haltungsän-
derung der EU, die in Sachen der wirt-
schaftlichen Integration islamischer
Länder und der damit verbundenen
Wanderungsbewegungen klarere Ab-
grenzungen schaffen möge. Es ginge
hier eben nicht um die Bekräftigung ei-
nes überholten Begriffes des christli-
chen Abendlandes, sondern um die
Garantie der Werte einer sekulären,
laizistischen Gesellschaft, die den
christlichen so wie jeden anderen Fun-
damentalismus hinter sich ließe. Ge-
schähe dies nicht, dann sehen die Au-
toren ein „furchtbares Konflikt- und
Progromszenario“, das, wie schon in
den 1930er-Jahren, evident machen
würde, dass auch Kulturvölker der Bar-
barei fähig sind.
Im Gegensatz zu Thilo Sarazzin et al.
fürchten sich die Autoren also nicht so
sehr vor der „Umvolkung“ selbst, son-
dern ganz im Gegenteil vor der zuvor
erwartbaren Barbarei des Mehrheits-
volkes. Verantwortliches Handeln ist in
diesem Zusammenhang weniger der
Schutz der Mehrheit vor der Minder-
heit, sondern der Mehrheit vor sich
selbst (der eigenen Neigung zum Po-
grom) durch eine auf die lange Frist
ausgerichtete realistische Minderhei-
tenpolitik.
Ein wichtiger Teil des Buches ist ei-
nem weltweiten historischen Überblick
über Minderheiten und Minderheiten-
probleme gewidmet. Obwohl locker, ja
beinahe feuilletonistisch geschrieben,
bietet dies so viel Erkenntnisgewinn,
dass die Lektüre des Buches schon al-
lein deshalb lohnend ist. Der Überblick
wird in der Tradition des Max Weber-
schen Wissenschaftsprogramms an-
geboten, um anhand vieler Beispiele
die konkreten empirischen Gegeben-
heiten aufzuzeigen, welche aus Min-
derheits-Mehrheits-Situationen ein
Problem machen. Es ist die Existenz
dieser Probleme selbst, aber auch die
von den Autoren diagnostizierte Über-
forderung des Menschen, solche Pro-
bleme jenseits einer bestimmten Band-
breite ausschließlich in moralischen
Kategorien zu begreifen und zu lösen,
welche eine realistische Herangehens-
weise erfordert. Individualethisch be-
deutet dies keine Absolution für indivi-
duell unethisches Verhalten, politisch
aber die Notwendigkeit, auf Basis ei-
nes realistischen Menschenbildes die
moralischen Herausforderungen an
den Menschen nicht zu überdehnen
(sie innerhalb der erwähnten Bandbrei-
te zu halten).
Ein wenig dürften Kramer und Sche-
diwy aber ihrem Glauben an die kon-
fliktmildernde Wirkung einer Strategie
der „Verlangsamung“ von Migrations-
prozessen und vor allem einer geziel-
ten Assimilierung selbst misstrauen. In
einem Kapitel „Sonderfall Holocaust“
diskutieren sie den offenbaren Wider-
spruch, dass die entsetzlichste Ver-
nichtung einer Minderheit gerade den
Juden widerfuhr, also jener Minderheit,
die sich besonders stark assimilierte.
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Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2
        

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