Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

ger (2011) analysieren vor diesem Hintergrund Leistungsbilanzungleich-
gewichte und ungleiche Einkommensverteilung in Europa, wobei die Auto-
ren deutlich machen, dass durch die Finanzmarktliberalisierung der
1980er-Jahre die Ungleichverteilung stark zugenommen hat, was auch zu
Profiten ohne Investitionen führt (S. 156). Daraus ergeben sich Forderun-
gen auf 3 Ebenen, die wiederum verdeutlichen, dass die wirtschaftspoliti-
schen Maßnahmen der postkeynesianischen Alternative nicht nur einen
Markt oder eine Dysfunktionalität im herrschenden Kapitalismus ausma-
chen, sondern eine umfassende Reorientierung der Wirtschaftspolitik dar-
stellen:46 a) Re-Regulierung der Finanzmarktes und des realen Sektors
zur Erhöhung der Transparenz, b) eine Verbesserung der internationalen
Politikkoordinierung, um globale Ungleichgewichte zu verringern, c) eine
Stabilisierung der Lohn- und Einkommenspolitik und eine Geldpolitik ent-
sprechend den Analysen des endogenen Geldes, die die Zinspolitik der
Notenbank ins Zentrum rücken. Die damit geforderten Restrukturierungs-
maßnahmen sind umfassend, aber wenig konkret für einzelne Staaten
und Regionen.
6. Der Wohnungsmarkt in der Krise und der allgemeine
Verantwortungsrahmen des Auftrag
Am Beginn der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise stand der Zusam-
menbruch des Immobilienmarktes in den USA. Als Reaktion haben sich
zahlreiche Studien mit der Suche nach Schuldigen für das Entstehen und
das Platzen der Blase beschäftigt. Die Finanzierungsstruktur des Immobi-
lienmarktes stand dabei im Mittelpunkt und kann in der Folge auch im Rah-
men der oben beschriebenen Minsky Instabilitätshypothese erklärt wer-
den, wonach die steigende Überschuldung der Haushalte lange Zeit das
Entstehen der Blase angesichts steigender Immobilienpreise ermöglicht.
Während zahlreiche standardökonomische Analysen die Schuld der Über-
schuldung der amerikanischen Haushalte in der Gier und dem Wunsch
über die Verhältnisse zu leben verorten, zögern die meisten ÖkonomIn-
nen, die dahinterliegende Struktur des Wohnungsmarktes in die Analysen
mit einzubeziehen. Als Anwendung der unter 2.1 beschriebenen Eck-
pfeiler der postkeynesianischen Analyse ist es hingegen wesentlich, die
institutionell-strukturellen Rahmenbedingungen zu beleuchten.
Dabei wird klar, dass der amerikanische Wohnungsmarkt den Haushal-
ten keinerlei Alternativen zu einem Eigenheim bietet. Daraus ergibt sich
auch die postkeynesianische Forderung nach einem starken Staat und
damit der staatlichen Verantwortung eines adäquaten sozialen Rah-
mens.47 Umgelegt für den wohnungspolitischen Rahmen bedeutet das,
dass sozial leistbares Wohnen geschaffen werden muss und durch eine
39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
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