Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

Die anhaltende Arbeitslosigkeit und die Sparmaßnahmen in vielen Staaten lassen jedoch befürchten, dass sich das Risiko für Armut und die soziale Ungleichheit seit 2010 verschärft hat und in den kommen- den Jahren OECD-weit auch weiter verschärfen wird. Für ein Anwachsen von Vermögensungleichheit gibt es erste Befun- de aus den USA: Das Verhältnis zwischen den Reichen und Armen hat sich weiter zu Ungunsten der Vermögenslosen verändert. Von 2007 bis 2009 gab es beträchtliche Vermögensverluste zu verzeichnen; so fielen sowohl der Median als auch der Mittelwert in der Vermögensver- teilung. KrisenverliererInnen unter den Reichen wurden durch Krisen- gewinnerInnen ersetzt. Das Top-1% besitzt nach wie vor rund ein Drit- tel des Gesamtvermögens, weitere 9% der Haushalte 39%, sodass die Top-10% insgesamt 72% des Vermögens besitzen und stabil blieben, währenddessen der Vermögensanteil der unteren 50% von 2,5% auf 1,5% fiel. Der Anstieg der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist kein Krisenphänomen, sondern ein langjähriger Trend. Die Untersuchung der Vermögensverteilung hat nur in wenigen Staaten Tradition, etwa in den USA, Italien oder Schweden und war aufgrund der verschiedenen Erhebungsmethoden bisher schwer vergleichbar. Zu den Einkommen ist die Entwicklung besser dokumentiert. So veröffentlichte die OECD in kürzeren Abständen mit „Growing Unequal“ und „Divided We Stand – Why Inequality Keeps Rising“ zwei umfangreiche Publikationen, die den Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1980er-Jahren un- tersuchen. Der Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushaltseinkommen (Nettoeinkommen inklusive Transfers) stieg seitdem um 10% an. Vielfach wurde diskutiert, was die Sozialpolitik gegen den Anstieg an Einkommensungleichheit unternehmen könne. In der EU war unter an- derem die Flexicurity-Debatte (bessere Kombination von flexiblen Ar- beitsverhältnissen und sozialer Sicherheit) Folge dieser Entwicklung. In Großbritannien und den USA wurde mit Welfare-to-work-Program- men (NiedriglohnbezieherInnen mit Steueranreizen zur Arbeitsaufnah- me zu bewegen) auf diese Entwicklung reagiert. Die Sozialpolitik ver- suchte also, die Ergebnisse einer immer ungleicher werdenden Primär- verteilung mit (nicht umunstrittenen) Maßnahmen zu bekämpfen. Den neoklassischen ökonomischen Mainstream beunruhigte hinge- gen die steigende Ungleichheit bis zur Finanzkrise nicht. Ungleichheit ist demnach eine Frage von Präferenzen, also politischen oder Wertur- teilen, aber nicht Bestandteil makroökonomischer Analysen. Ob stei- gende Ungleichheit negative Auswirkungen auf die ökonomische Ent- wicklung hat, wurde ambivalent beurteilt. Ungleichheit wurde von den BefürworterInnen durchaus als Leistungsanreiz gesehen, und damit als positiv, solange Chancengleichheit für alle gewährleistet wird, was 116 Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 2

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