Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

aber de facto auch ohne staatliche Intervention nicht realisierbar ist.
Denn auch die Bildungschancen und damit die Voraussetzungen sind
sehr ungleich verteilt. Im Allgemeinen wurde aber Ungleichheit als nicht
beunruhigend angesehen, solange die Märkte effizient arbeiten und
alle damit mehr bekommen bzw. die VerliererInnen entschädigt wer-
den. Als Ursachen für steigende Ungleichheit wurden technologischer
Wandel und Globalisierung angesehen. Steigende Nachfrage nach gut
ausgebildeten Arbeitskräften für die wissensbasierte Ökonomie führe
zu Fachkräftemangel, was die Entgelte steigen ließe. Die Verlagerung
von Produktion von Gütern und zunehmend auch Dienstleistungen in
Niedriglohnländer hätte zur Folge, dass niedrig qualifizierte Personen
mit Beschäftigten in Niedriglohnländern konkurrieren müssten. Die
Drohung der Abwanderung bewirke Lohnzurückhaltung und damit
stagnierende Verdienste im Produktionsbereich. Dies erkläre auch die
steigende Ungleichheit innerhalb von Staaten. Nicht thematisiert wur-
den hingegen der extreme Anstieg der Bezüge bzw. Boni im Vorstands-
bereich von Konzernen, die explodierenden Boni im Finanzsektor und
die Orientierung der Unternehmensführung am Shareholder Value zu
Lasten der ArbeitnehmerInnenentgelte. Insgesamt führte das zu stag-
nierenden Löhnen bei stark ansteigenden Einkommen für Besitz und
Unternehmen. Die Steuerpolitik, die ungleiche Besteuerung von Arbeit
und Kapital, verstärkte die Ungleichheit noch. Die „scheuen Rehe“ ver-
steckten sich in Steueroasen.
Der Diskurs hat sich mit der Finanzkrise geändert. Nur wenige bestrei-
ten noch, dass Verteilungspolitik ein bedeutendes Thema in der wirt-
schaftspolitischen Auseinandersetzung geworden ist, was allerdings
nicht heißt, dass sie überall gern gesehen ist. Jedoch haben ökonomi-
sche Arbeiten, die die steigende Ungleichheit als eine zentrale Ursache
der Finanz- und Wirtschaftskrise sehen, gute Argumente geliefert. Die
stagnierenden Löhne und Gehälter führten zu einer Nachfrageschwä-
che, die verhaltenes Wirtschaftswachstum bedingte. Die Antwort in den
USA darauf war ein überwiegend kreditfinanzierter Konsum und eine
negative Sparquote der privaten Haushalte. Einige Länder reagierten
gar nicht auf die Binnennachfrageschwäche und versuchten die Expor-
te auf immer höhere Rekordmarken zu bringen, was die Handelsbilanz-
ungleichgewichte zwischen den Staaten bedrohlich erhöhte. Auf der
anderen Seite führte die zunehmende Konzentration von Einkommen
und Vermögen dazu, dass die Spekulation zunahm, weil die Reichen
ihre Gelder auf den Finanzmärkten, auch mangels attraktiver realwirt-
schaftlicher Alternativen, zunehmend risikofreudiger veranlagten und
ständig neue Finanzprodukte kreiert wurden. Auch das erhöhte die Vo-
latilität der Finanzmärkte weiter und birgt eine anhaltende Gefahr von
Blasenbildungen.
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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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