Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 2 (2)

im Nachhinein korrigierbar. Immobilienvermögen auf Basis vermuteter
Preisungleichgewichte von vornherein „hinauf- und hinunterzurechnen“
würde der Datenmanipulation Tür und Tor öffnen.
Ein weiteres zentrales Missverständnis in dieser Debatte liegt in der
Definition von Vermögen. Hier gibt es in der Ökonomie keine völlige
Einigkeit, üblich ist aber die Definition, dass Vermögen übertragbar, be-
lehnbar und in weitem Sinne liquide sein muss. Das bedeutet, man soll
es verschenken, zur Sicherstellung eines Kredites verwenden und in
vernünftiger Zeit in Bargeld umwandeln können. Aus diesem Grund
sind etwa Pensionsansprüche an das Umlageverfahren kein Privatver-
mögen, denn die können nicht einfach an Kinder verschenkt oder an
Dritte verkauft werden, um mit dem Geld auf Urlaub zu fahren. Deswe-
gen können diese Ansprüche nicht einfach zu dem vorhandenen Pri-
vatvermögen addiert werden, wie es die kürzlich erschiene Studie von
IHS-Chef Christian Keuschnigg zur Besteuerung der Vermögen tat.
Noch dazu in der Form, dass die fiktiven Pensionsansprüche addiert,
aber die tatsächlich geleisteten Beiträge ins System nicht angerechnet
werden.
Ein funktionierender Sozialstaat stellt Pensionen über das Umlage-
system, Mietwohnungen im sozialen Wohnbau und Gesundheitsver-
sorgung durch die Krankenversicherung zur Verfügung. Bei gleichem
Lebensstandard und gleicher Sicherheit gegenüber Unfall, Krankheit
und Arbeitslosigkeit können Menschen in einem ausgebauten Sozial-
staat daher geringeres Vermögen besitzen. Deswegen stellt der funk-
tionierende Sozialstaat durchaus einen Ausdruck gesellschaftlichen
Reichtums dar, aber eben kein privates Vermögen im engeren Sinn.
Aus der Tatsache, dass in manchen Ländern diese Vorsorge bei
jenen, die es sich leisten können, durch private Sparguthaben erfolgt,
kann man außerdem nicht schließen, dass ein fehlendes Sozialsystem
den Vermögensaufbau erleichtert. In den USA können die unteren
Einkommens- und Vermögensgruppen trotz der dort im Durchschnitt
niedrigeren Abgabenquote keine großen Vermögen anhäufen, um ein
löchriges soziales Netz zu ersetzen; sie sind im Gegenteil meist ver-
schuldet. Historisch ist nicht das individuell angesparte Vermögen die
Versicherung gegen soziale und gesundheitliche Risiken, sondern der
– in der heutigen Zeit immer brüchiger werdende – Familienverband,
vor allem in vermögens- und einkommensärmeren Gruppen.
Etliche KommentatorInnen schlossen aus der falschen Interpretation
der Daten in den Zeitungen, dass den Daten aus der Vermögenserhe-
bung grundsätzlich nicht zu trauen sei. Dieser Schluss folgt einem poli-
tischen Interesse. Denn bereits die ersten Resultate der EZB liefern bri-
sante Erkenntnisse. So ist das Vermögen innerhalb der Eurozone über
alle Ländergrenzen hinweg extrem ungleich verteilt. Die unteren 20%
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39. Jahrgang (2013), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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