Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

gen über die Erwartungen anderer Ak-
teure, also den für spekulative Vermö-
gensmärkte charakteristischen Her-
dentrieb.
John Maynard Keynes warnte schon
in den 1930er-Jahren eindringlich vor
einem zu großen Finanzmarkt, der die
realwirtschaftliche Entwicklung zu ei-
nem Spielball der Spekulation verküm-
mern lässt. Insgesamt resultiert aus
diesen Theorieelementen die zentrale
Keynes’sche Erkenntnis, dass eine
Marktwirtschaft leicht in ein Unterbe-
schäftigungsgleichgewicht gelangen
kann, aus der die Marktkräfte selbst
nicht wieder herausführen können,
sondern nur ein entschiedener Impuls
der Budget- und Geldpolitik. Kromp-
hardt gelingt es, wichtige Elemente der
„General Theory“ auch für den wirt-
schaftspolitisch interessierten Laien
verständlich darzustellen. Er ver-
schweigt auch die Mängel der theoreti-
schen Analyse nicht, etwa wenn er das
Fehlen einer fundierten Untersuchung
der Determinanten des Arbeitskräfte-
angebots beklagt.
Keynes’ Hauptwerk löste eine inten-
sive Debatte in der Fachwelt und der
Wirtschaftspolitik aus, an der Keynes
selbst sich aufgrund zunehmender ge-
sundheitlicher Probleme nur sehr ein-
geschränkt beteiligen konnte. Seine
Herzkrankheit hinderte Keynes aller-
dings nicht daran, sich mit den mit Aus-
bruch des Zweiten Weltkrieges entste-
henden, völlig neuen ökonomischen
Problemen auseinanderzusetzen.
Kromphardt beschreibt den Rollen-
wechsel Keynes’ vom heftigen Kritiker
von Wirtschaftspolitik und -theorie zu
einem gefragten Vordenker und Ge-
stalter in vielen Kommissionen und
Verhandlungen. Dabei setzte sich Key-
nes mit neuen Fragen auseinander:
„How to Pay for the War“ (1940), der Fi-
nanzierung der kriegswichtigen Impor-
te Großbritanniens durch die USA
(Verhandlungen über den Lend Lease
Act 1941), der Erarbeitung der „Propo-
sals for an International Clearing
Union“ (1941, 1942), die die Grundlage
für die Verhandlungen über die Schaf-
fung einer Weltwährungsordnung in
Bretton Woods bildeten, dem „Long-
term Problem of Full Employment“
(1943), in der er sich mit der langen
Frist und der Wirkung drohender Nach-
frageschwäche auf die Beschäftigung
auseinandersetzte, oder den Zah-
lungsbilanzproblemen Großbritan-
niens nach dem Krieg. In Bezug auf die
letzte Frage lehnte es Keynes vehe-
ment ab, das Leistungsbilanzdefizit
Großbritanniens durch eine einseitige
Restriktionspolitik verbunden mit hoher
Arbeitslosigkeit zu lösen, auch weil er
befürchtete, eine solche Politik könnte
zu einem Zusammenbruch des de-
mokratischen Regierungssystems füh-
ren.
Im letzten Kapitel seines Buches be-
schreibt Jürgen Kromphardt die Aus-
einandersetzung mit dem Werk nach
dem Tod von Keynes im Jahr 1946. Zu-
nächst die Vereinnahmung der Key-
nes’schen Theorie in der Neoklassi-
schen Synthese durch Hicks und Modi-
gliani, dann die Gegenrevolution durch
Monetarismus (Friedman) und Ange-
botspolitik (Lucas u. a.), deren Weiter-
entwicklung absurderweise unter dem
Titel „Neue keynesianische Makroöko-
nomie“ (Mankiw) erfolgte. Schließlich
aber auch die Rückbesinnung auf Key-
nes in den verschiedenen Strömungen
des Postkeynesianismus. Die Finanz-
krise mit ihren Parallelen zu den
1930er-Jahren führt zur Publikation
zahlreicher Sammelbände über das
Werk von Keynes und zur Neuheraus-
gabe der „General Theory“ durch Jür-
423
39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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