Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

Anders Vordenken! Besser
Handeln? Ein Leitfaden nicht
nur für Nicht-ÖkonomInnen
Rezension von: Heiner Flassbeck,
Paul Davidson, James K. Galbraith,
Richard Koo, Jayati Ghosh (Hrsg.),
Handelt jetzt! Das globale Manifest
zur Rettung der Wirtschaft,
Westend Verlag, Frankfurt/Main 2013,
200 Seiten, gebunden, D 17,99.
ISBN 978-3-864-89034-5.
In den Augen meiner Studierenden
sind alle möglichen Personengruppen
und Institutionen schuld an wirtschaftli-
cher und sozialer Malaise. Auf die Uni-
versitäten fallen ihre Gedanken indes
nicht – oder nur insgeheim. Nun, die
Botschaft in Heiner Flassbecks und
seiner MitautorInnen Manifest ist zwar
nicht neu. Denken wir etwa an John
Maynard Keynes’ grundlegende Ab-
rechnung mit der Wall Street 1936,
John Kenneth Galbraiths radikale „Pre-
sidential Address“ vor der „American
Economic Society“ 1972 oder selbst
die Beiträge der gemäßigten Ökono-
men Paul Samuelson in „Challenge“
1985 und Robert Solow mit seinem Ar-
beitsmarktbuch 1990. Dennoch ist
„Flassbecks Manifest“ interessant und
bedeutsam.
Das Interessante daran ist, dass das
jetzt vorgelegte Manifest selbst heute
noch notwendig ist: 83 Jahre nach
Ausbruch der Ersten, fünf Jahre nach
Einsetzen der Zweiten Weltfinanz- und
-wirtschaftskrise, drei Jahre nach Be-
ginn der Staatsschulden- und Sparhys-
terie sowie 34 Jahre nach Margaret
Thatchers Amtsantritt und dem nach-
folgenden Siegeszug des Neoliberalis-
mus mit all seinen Konsequenzen für
Verteilung, Wachstum und Soziales,
Arbeitsmarkt- und Arbeitsplatzverhält-
nisse. Das Bedeutsame an dem „Mani-
fest“ ist, dass es dem Prozess der dis-
kursiven Verbreitung des, der Gewöh-
nung an und der Vereinnahmung durch
den Neoliberalismus einmal mehr et-
was entgegensetzt – trotz zunehmen-
der Überdrüssigkeit des steten Lamen-
tierens und Kritisierens, trotz der fort-
geschrittenen Internalisierung der
Norm „Es gibt keine Alternative, be-
scheidet euch!“
Das „Manifest“ erscheint gerade zu
einer Zeit, in der das System von Bil-
dung und Forschung, von hergebrach-
ten Institutionen und traditioneller Poli-
tik wieder zunehmend mit grundsätzli-
chem Wohlwollen betrachtet wird. Hat
man doch einige, relativ wenige
Schwarze Schafe ausgemacht, die ihr
legitimes Selbstinteresse zur verwerfli-
chen Eigensucht übersteigert und da-
mit der Reputation des an sich gut
funktionierenden Marktsystems ge-
schadet haben. Es besteht die Ten-
denz, den Markt als moralischer und
sogar demokratischer anzusehen als
die demokratische Wirtschaftspolitik,
wie der Liberale Philip Booth 2009 aus-
führte.
Heiner Flassbeck hat in der econo-
mics community bekannte, dort aber
vielfach eher geächtete als geachtete
Personen um sich versammelt und ge-
meinsam mit ihnen in einer leicht ver-
ständlichen Sprache ökonomisch auf-
gezeigt, was grundsätzlich im System
schieflaufe, vor allem was am System
nicht passe und wie der Lauf der Welt
und das Wohlergehen der Menschen
anders und besser gestaltet werden
könnten. Die AutorInnen erfüllen auch
die so wichtige Aufgabe der Überset-
zung aus dem Ökonomischen ins All-
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39. Jahrgang (2013), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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