Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

anliegen wurde in den Beiträgen unter-
schiedlich eingelöst. In einigen über-
wiegt die inhaltliche Darstellung des
Themas, so z. B. bei Mugrauer (KPÖ),
Pellar (Gewerkschaften) Wohnout (ös-
terreichisch-italienische Beziehun-
gen). Der Fokus in entwicklungsge-
schichtlicher Hinsicht differiert zwi-
schen Beiträgen, die den thematischen
Faden seit Beginn der Ersten Republik
verfolgen (so z. B. von Meixner, Dvo-
rak, Thaler, Pellar, Klösch oder Wen-
ninger), und anderen, die in erster Linie
die Entwicklung 1933-1938 im Blick
haben (wie Schafranek und Mugrauer).
Das Anliegen, den Forschungsstand
zu resümieren und damit zusammen-
hängend Forschungslücken und For-
schungsdesiderata zu markieren, wird
in den meisten Beiträgen gut eingelöst.
Die thematische Bündelung des jewei-
ligen Forschungsstandes lässt nicht
nur Konjunkturen in der Befassung mit
Themen (z. B. Außenpolitik, Sozialde-
mokratie), sondern auch deren unter-
schiedliches Gewicht in der wissen-
schaftlichen Aufarbeitung erkennen.
So nimmt sich beispielsweise die Bear-
beitung von Themen wie organisierte
Gewalt, Justiz oder Eliten relativ be-
scheiden aus im Vergleich mit Untersu-
chungen – trotz aller Lücken – über die
österreichische NSDAP.
Zur kritischen Reflexion des For-
schungsstandes sei exemplarisch auf
die Beiträge von Schafranek, Langtha-
ler und Wenninger verwiesen. Schafra-
nek (S. 106) sieht das größte Defizit
der bisherigen Forschung über die
NSDAP darin, dass diese sich in erster
Linie auf „Gegnerquellen“ stützt. Lang-
thaler (S. 333) konstatiert, dass unge-
achtet einer Fülle von Arbeiten zur
Agrargeschichte die Bilanz mager aus-
fällt: Die Agrargeschichte der 1930er-
Jahre bilde bestenfalls ein Randthema,
der Forschungsstand sei entspre-
chend unausgewogen und zersplittert.
Die traditionelle Militärhistorie ist selek-
tiv, sie fokussiere nach Wenninger
(S. 558) auf die Organisations- und Er-
eignisgeschichte.
In die Darstellung des Forschungs-
standes fließen in einer Reihe von Bei-
trägen die eigene Forschung der Auto-
rInnen ein. Teils werden nicht nur For-
schungslücken reflektiert, sondern
dazu auch jeweils einschlägige Quel-
lenbestände erläutert (so z. B. Enderel-
Burcel/Neubauer-Czettel).
Die Reflexion der Forschungsdesi-
derata hat ein breites, buntes themati-
sche Tableau erbracht, das nur exem-
plarisch beschrieben werden kann. In
einer Reihe von Beiträgen wird die ver-
gleichende Perspektive (Dvorak,
Senft, Thorpe, Selige, Pammer, Emin-
ger, Wenninger) als Desiderat betont.
Im Einzelnen wird als Desiderat die
Stellung der Juden in der Sozialdemo-
kratie, die Infiltration legaler Institutio-
nen durch die NSDAP, der kommunis-
tische Widerstand, der Einfluss des
christlichsozialen Lagers auf die Re-
gierungspolitik, die Rolle der Handels-
kammern bei der Abschaffung der De-
mokratie, biografische Untersuchun-
gen, die Einbürgerungspraxis des Aus-
trofaschismus, die Rolle der Justiz, die
Resonanz im Ausland auf die Verfas-
sungsänderungen, das Freiwillige
Schutzkorps, die explizite geschlech-
terpolitische Perspektivierung und die
Gesamtschau der österreichischen
Außenpolitik 1933-1938 benannt.
In den unterschiedlichen Bezeich-
nungen des Herrschaftssystems spie-
geln sich dessen traditionell differenten
Einschätzungen. Verwenden Heraus-
geber/Herausgeberin und einige Auto-
rInnen (wie Seliger, Mugrauer, Senft,
Pammer, Thorpe) den Begriff „Austro-
458
Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3
        

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