Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

Der Siegeszug des Liberalismus
im 19. Jahrhundert
Rezension von: Immanuel Wallerstein,
Der Siegeszug des Liberalismus
(1789-1914). Das moderne Welt-
system IV, Promedia Verlag, Wien 2012,
416 Seiten, broschiert, D 29,90.
ISBN 978-3-853-71347-1.
Dieses Buch ist der lang erwartete
vierte Band der Geschichte des moder-
nen Weltsystems. Mit ihr hat der Autor
eine Wegmarke in der Globalge-
schichtsschreibung gesetzt. Jeder
Band kann für sich gelesen werden.
Zusammengefügt entsteht ein Panora-
mabild der Herausbildung des kapita-
listischen Weltsystems im langen 16.
Jahrhundert (Band I), der Konsolidie-
rung der Weltwirtschaft unter nieder-
ländischer Vorherrschaft im 17. Jahr-
hundert (Band II), der weiteren wirt-
schaftlichen und räumlichen Auswei-
tung im 18. und frühen 19. Jahrhundert
(Band III) sowie der Herausbildung ei-
ner Geokultur für das Weltsystem im
19. Jahrhundert (Band IV).
Im vorliegenden Band hat sich der
Autor auf das konzentriert, was im lan-
gen 19. Jahrhundert neu war. Dieses
neue Phänomen nennt er den „Sieges-
zug des zentristischen Liberalismus“.
Natürlich ist der Autor nicht der erste,
der die Stärke des Liberalismus als
Ideologie im 19. Jahrhundert betont,
aber seine Herangehensweise an die-
se Frage unterscheidet sich jedoch et-
was von der anderer Wissenschaftler.
Dazu war es unter anderem notwen-
dig, die schwierige Begriffsgeschichte
des Wortes „Liberalismus“ nachzu-
zeichnen und die Verwirrung seiner
mehrdeutigen Verwendung aufzulö-
sen, die einer stichhaltigen Analyse
der ideologischen Realität im Wege
steht.
Dabei musste der Autor zunächst he-
rausarbeiten, dass im 19. Jahrhundert
etwas geschaffen wurde, was in der
historischen Entwicklung des moder-
nen Weltsystems bis dahin noch nie
dagewesen war: etwas, das der Autor
seine „Geokultur“ bezeichnet. Darunter
versteht er die Werte, die im ganzen
Weltsystem weitgehend geteilt werden
– sowohl explizit als auch latent.
Bis zum langen 19. Jahrhundert gab
es eine Trennung zwischen der politi-
schen Ökonomie des Weltsystems und
seiner diskursiven Rhetorik. Im vierten
Kapital stellt deshalb der Autor dar, wie
es die kulturellen Auswirkungen der
Französischen Revolution zwingend
erforderlich machten, diese Trennung
durch die Herausbildung der drei
Hauptideologien des modernen Welt-
systems zu überwinden: Konservatis-
mus, Liberalismus und Radikalismus.
Ungleichheit, so der Autor, ist ein
grundlegendes Element des modernen
Weltsystems sowie jedes bekannten
historischen Systems. Was den histori-
schen Kapitalismus unterscheidet und
auszeichnet, ist, dass die Gleichheit zu
seinem Ziel (und sogar zu einer seiner
Errungenschaften) erklärt wurde –
Gleichheit auf dem Markt, Gleichheit
vor dem Gesetz und die grundsätzliche
gesellschaftliche Gleichheit aller Indivi-
duen, die mit gleichen Rechten ausge-
stattet sind.
Die große politische Frage und die
große kulturelle Frage der modernen
Welt ist, wie dieses theoretische Lob-
lied auf die Gleichheit mit der andau-
ernden und zunehmend schärferen
Polarisierung der realen Lebenschan-
cen und mit der Befriedigung von Be-
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Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3
        

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