Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2013 Heft 3 (3)

Vermögensärmeren relativ zu deren geringen Vermögen höher sind
als die großen Erbschaften der Vermögensreicheren. Ein Beispiel:
Hat eine Person 10 D und eine andere Person 10.000 D an Vermögen
und erbt die erste Person 5 D, die zweite hingegen 4.999 D, dann sinkt
der Gini-Koeffizient. Denn in Relation zum Vermögen hat die vermö-
gensärmere Person mehr geerbt. Die Ungleichheit verringert sich,
obwohl der Abstand zwischen Arm und Reich angestiegen ist. Trotz-
dem sind Erbschaften mitentscheidend für die Reproduktion sozialer
Ungleichheit. Denn die absoluten Unterschiede zwischen Arm und
Reich werden größer, und die Vermögensfunktionen ändern sich mit
der Höhe des Vermögens. Während Vermögen für weite Teile der
Bevölkerung nur die Funktion einer Notreserve hat, dominiert in der
Mitte vor allem das Wohnen im Eigenheim, welches Sicherheit und ein
wenig an sozialem Status gibt. Erst bei den Reichen verändern sich
diese Vermögensfunktionen, und die Weitergabe innerhalb der Fami-
lie und gesellschaftliche Machtausübung werden entscheidend.
? Erben und Demokratie: Beim Erben geht es um gesellschaftliche Kon-
tinuität, die Reproduktion von sozialen Positionen, um Mechanismen
der Statusweitergabe. Erbschaften, die über viele Generationen akku-
muliert werden, führen zu Vermögens- und Machtkonzentration, wel-
che die Demokratie beeinträchtigen. Eine zentrale Aufgabe von Erb-
schaftssteuern war historisch die Verhinderung von Machtballungen.
Dynastische Vermögenskonzentration fördert Korruption sowie Macht-
missbrauch und gefährdet demokratische Prozesse.4
Diesen drei Themen gehen wir in diesem Artikel auf Basis der Daten des
„Household Finance and Consumption Survey“ des Eurosystems in Öster-
reich (HFCS Austria 2010) nach. Kapitel 2 resümiert den konzeptuellen
Rahmen der Erbschaftsdaten des HFCS Austria 2010. In Kapitel 3 be-
schäftigen wir uns mit den Wahrnehmungen der Bevölkerung in Öster-
reich zum Erbgeschehen. Kapitel 4 beschreibt die Daten zum Erbgesche-
hen in Österreich. In Kapitel 5 werden die Verbindungslinien von Vererben
und Erben über die Generationen dargestellt, und es wird gefragt, ob jene
Haushalte, die bereits geerbt haben, auch die sind, von denen größere
Erbschaften zu erwarten sind.
2. Daten zum Erben in Österreich
Die Darstellung in diesem Artikel basiert auf den Daten des HFCS Aust-
ria 2010. Aufgrund der großen Bedeutung von Erbschaften für die Vermö-
gensakkumulation nahm die EZB einen umfangreichen Abschnitt zu Erb-
schaften in den HFCS-Fragebogen auf. Der HFCS Austria 2010 beinhaltet
einen noch ausführlicheren Abschnitt zum Erben.5
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Wirtschaft und Gesellschaft 39. Jahrgang (2013), Heft 3
        

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