Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft

42. Jahrgang (2016), Heft 4

das aus permanent über den Investitionsplänen liegenden Sparabsichten resultiert. In der Stagnationstheorie gibt es auch eine wertvolle marxistische Tradition, die etwa im wichtigen, 1973 erschienen Essay von
Paul Baran und Paul Sweezy „Monopolkapital“ dargestellt wurde.
Schon Josef Steindl hat 1952 in „Maturity and Stagnation in the US“ die
wirtschaftlichen Probleme oligopolistischer Marktstrukturen, ungleicher
Verteilung und neokonservativer Wirtschaftspolitik, die nicht aktiv
gegen Stagnation und Arbeitslosigkeit vorgeht, beschrieben. Bei aller
Analyse der mit dem Stagnationsphänomen verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme durch die frühen Keynesianer soll aber
nicht übersehen werden, dass es John Maynard Keynes war, der schon
Anfang der 1930er-Jahre die wirtschaftlichen Möglichkeiten beschrieb,
über die die Enkelkinder bei fortgeschrittenem technologischen Niveau, hohen Einkommen und Ersparnissen trotz stagnativer Grundtendenz verfügen würden. Das hohe Produktivitätsniveau könnte dann
nicht für die Anhäufung weiteren finanziellen Reichtums, sondern für
ein besseres Leben genutzt werden. Diese Keynes’schen Visionen
wären möglicherweise auch mit den Postwachstumsvorstellungen der
Ökologiebewegung vereinbar.

Wirtschaftspolitische Ansatzpunkte zur Überwindung
der Stagnation
Aus den verschiedenen Facetten historischer und aktueller Stagnationstheorien sowie den unterschiedlichen Erfahrungen in der derzeitigen Finanzkrise ergeben sich eine Reihe von wirtschaftspolitischen
Empfehlungen, die hier nur kursorisch beschreiben werden:
Unmittelbar unterstützen die meisten ÖkonomInnen einen kräftigen Impuls durch sinnvolle öffentliche Investitionen, die begünstigt
von niedrigem Zinsniveau sowohl einen dringend benötigten kurzfristigen Nachfrageschub für die Konjunktur als auch eine Verbesserung des langfristigen angebotsseitigen Produktionspotentials
mit sich bringen würden. Am weitesten gehen dabei die Überlegungen eines direkt notenbankfinanzierten Investitionsimpulses, wie
sie etwa Adair Turner skizziert hat. Der Ruf nach einer koordinierten Ausweitung der öffentlichen Investitionen vor allem für die
Eurozone ertönt heute von der überwiegenden Mehrheit der USund der europäischen ÖkonomInnen, vom Internationalen Währungsfonds und der OECD, mittlerweile bemerkenswerterweise
sogar von der Europäischen Kommission. Nur in Deutschland verharren WirtschaftswissenschafterInnen und PolitikerInnen – reflexhaft, aber ohne inhaltliches Konzept unterstützt von ihren österrei-

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