Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft

ein Gleichgewicht nicht als stabilen Zustand, sondern als Gravitationsprozess mit zyklischen, turbulenten Fluktuationen: „[…] turbulent gravitation implies that balance is achieved only
through recurrent and offsetting imbalances, so that the equilibrating process is inherently cyclical, turbulent,
and subject to ‚self-repeating fluctuations‘ of varying amplitudes and durations“ (S. 113).
Mit den Konzepten des realen Wettbewerbs und der turbulenten Regulation beschreibt Shaikh die Bewegungsgesetze von Angebot und Nachfrage.
So werden die unterschiedlichen Preise von Anbietern innerhalb einer Branche kaum durch die Mobilität der Konsumenten zum niedrigsten Preis ausgeglichen. Auch die Angleichung unterschiedlicher Profitraten zwischen
den verschiedenen Branchen durch
die Verschiebung von Kapital in Richtung der größten Profitrate funktioniere
nur begrenzt. In beiden Fällen entstehen Verteilungen und Fluktuationen
rund um Gravitationspunkte, argumentiert Shaikh. Diese Gravitationszentren
sind – ganz in der Tradition der klassischen Ökonomen Smith, Ricardo und
Marx – die Produktionspreise. In einem
interessanten Kapitel zur empirischen
Untermauerung des realen Wettbewerbs wird der Abstand zwischen
Markt- und Produktionspreisen analysiert. Aus US-Daten von 1947 bis 1998
beziffert Shaikh die Distanz auf etwa
15 Prozent.

Profitmotiv als zentrale Kraft
In marxistischer Tradition stellt
Shaikh die Profitabilität in den Mittelpunkt seiner ökonomischen Analyse
der kapitalistischen Produktionsweise.
Das Gewinnmotiv ist der bestimmende
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42. Jahrgang (2016), Heft 4

Faktor für Investitionen, Beschäftigung
und Wirtschaftswachstum sowie den
Verlauf von Konjunkturzyklen. Daraus
folgt auch seine Kritik an der (post-)
keynesianischen Theorie, wonach die
Wurzeln der aktuellen Krise eben nicht
in Einkommensungleichheit und Unterbeschäftigung zu suchen sind, sondern in der Entwicklung der Profitrate.
Dementsprechend sieht er die Konzentration keynesianischer Lösungsansätze auf eine stabile Lohnquote sowie
eine aktive Geld- und Fiskalpolitik zur
Sicherung
von
Vollbeschäftigung
skeptisch. Diese Maßnahmen sind für
Shaikh nicht ausreichend, sofern sie
nicht die von ihm identifizierte Wurzel
der Krise angreifen: die negative Entwicklung der Profitrate, die er – wie
Marx – als dominante Triebkraft der kapitalistischen Produktionsweise ausmacht.4
Damit weist Shaikh auch das Konzept der unsichtbaren Hand als intrinsische Kraft und stabilisierendes Element der Marktwirtschaft zurück. Er
betont, dass die zyklischen Fluktuationen der Profitabilität das Wirtschaftswachstum bestimmen und unterlegt
diese Theorie mit zahlreichen empirischen Daten. Ausgangspunkt sind dabei die von Nikolai Kondratieff entwickelten langen Wellen der ökonomischen Entwicklung. Wiederkehrende
Krisen sind für Shaikh ein inhärentes
Charakteristikum der kapitalistischen
Produktionsweise, während Krisen von
der Mainstream-Ökonomie immer wieder als einmalige Ereignisse proklamiert würden. Er bedient sich dabei der
marxistischen Argumentation, wonach
ein langfristiger Fall der Profitrate zu
Wirtschaftskrisen führt und untermauert dies mit einigem Zahlenmaterial.
Die nächste Krise ist laut Shaikh also
vorprogrammiert.
        

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