Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft

Reiche und Weltmeere
Rezension von: Wolfgang Reinhard
(Hrsg.), Geschichte der Welt 1350-1750.
Weltreiche und Weltmeere, C. H. Beck,
München 2014, 1.008 Seiten, gebunden,
A 48; ISBN 978-3-406-64103-9.

Globalgeschichtsschreibung hat derzeit Hochkonjunktur – beispielsweise
bringt der S. Fischer Verlag eine 21bändige Weltgeschichte heraus.
Bei C. H. Beck und Harvard University Press erscheint eine sechsbändige
„Geschichte der Welt“, herausgegeben
von Jürgen Osterhammel, weltweit berühmt geworden durch seine Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts „Die
Verwandlung der Welt“ (2009)1, und
dem japanischen Historiker Akira Iriye.
Herausgeber des vorliegenden dritten
Bandes des Gesamtwerks ist Wolfgang Reinhard, Professor in Freiburg
im Breisgau, der insbesondere mit Arbeiten zur Entstehung des modernen
Staates („Geschichte der Staatsgewalt“, 2000) und jüngst mit einer Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015 „Die Unterwerfung
der Welt“ (2016) hervorgetreten ist.
Weltgeschichte ist lange Zeit als eine
Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs einer kleinen Zahl von jeweils
führenden Hochkulturen geschrieben
worden. Diese sechsteilige Globalgeschichte verabschiedet sich von der
europa- oder westzentrierten Sichtweise. Sie leugnet die Errungenschaften
des Westens seit dem 18. Jahrhundert
keineswegs, stellt sie aber in den größeren Zusammenhang gleichzeitiger
Entwicklungen in anderen Teilen der
Welt. Statt um die Ausbreitung der einen, westlichen, Moderne über den
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42. Jahrgang (2016), Heft 4

Erdball geht es um eine vielfältige Moderne.
Besondere Aufmerksamkeit gilt im
vorliegenden Band den Beziehungen
und Wechselwirkungen zwischen den
Kontinenten, Subkontinenten und Reichen bzw. Protostaaten, den Gemeinsamkeiten der Entwicklungen in fünf
kulturgeografischen
Großräumen
(„Welten“) bzw. den Unterschieden
zwischen denselben: der interkontinentalen Ausbreitung von Techniken,
philosophischen und politischen Ideen
sowie Religionen, den Kommunikationsnetzen und Handelsströmen, Kolonialismus und Imperialismus, den
großräumigen Kriegen, der Entstehung von Gesellschaften und von Reichen, dem Übergang zu frühmodernen
Protostaaten.
Der Band besteht aus einer Einleitung des Herausgebers und jeweils einem Kapitel zu den fünf „Welten“ Kontinentaleurasien (mit Einzelbeiträgen zu
China, Russland, Zentraleurasien, Japan, Korea und Vietnam), der islamischen Welt (Osmanisches Reich, Iran),
Südasien und dem Indischen Ozean,
Südostasien und Ozeanien sowie Europa und der Atlantischen Welt. Die
Einzelbeiträge des letztgenannten Kapitels befassen sich mit dem lateinischen Europa, dem atlantischen Afrika
und den neuen atlantischen Welten.
Reinhard befasst sich in der Einleitung mit den Einflussfaktoren und Varianten der Reichsbildung, mit den
Weltmeeren als Interaktionsräumen,
mit den epochenspezifischen Formen
der Interaktion zwischen den Welten
und innerhalb der Welten, den sozialen
Schichtungen und den Weltdeutungen.
Zwischen 1350 und 1750, dem
Hochmittelalter und den Dekaden vor
dem Beginn der Industrialisierung, war
die Menschheit von einer Einheit noch
        

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