Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2016 Heft 4 (4)

42. Jahrgang (2016), Heft 4

Wirtschaft und Gesellschaft

und die historische Entwicklung zeigt auch, dass in verschiedenen Zeiten
die Resultate der verschiedenen Einflussfaktoren unterschiedlich ausgefallen sind (etwa in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, als über „technologische Arbeitslosigkeit“ diskutiert wurde, und im Nachkriegsboom der
1960er-Jahre, als trotz rasantem Produktivitätswachstum auch die Beschäftigung stark wuchs). So bleibt es auch immer eine Aufgabe der empirischen Forschung, herauszufinden, wie die Effekte auf die Arbeitskräftenachfrage in der jeweils aktuellen Phase des technologischen Wandels
ausfallen und welche Mechanismen der Verteilung der Produktivitätszuwächse dominieren.
Dieser Artikel soll einen Überblick über aktuelle empirische Ergebnisse
nationaler und internationaler Studien zu diesem Themenfeld liefern und
dabei gleichzeitig die Abhängigkeit der Resultate in Bezug auf unterschiedliche Aspekte der Operationalisierung des technologischen Wandels, verschiedene Betrachtungsebenen sowie strukturelle Einflussfaktoren wie Marktstrukturen, Beschäftigungsstrukturen (z. B. Bildung, Geschlecht) und Globalisierung verdeutlichen.

2. Die Auswirkungen des technischen Wandels auf
Beschäftigung und Verteilung – ein konzeptioneller Rahmen
Während technischer Wandel in den älteren ökonomischen Debatten
(von der klassischen Erörterung bei Smith, Ricardo, Marx u. a. bis hin zur
neoklassischen Wachstumstheorie) vorwiegend in der Einführung neuer
Maschinerie gesehen und dementsprechend vor allem über die Veränderungen in den Sachanlageinvestitionen abgebildet wurde, hat die Innovationsforschung der letzten Jahrzehnte diesen Begriff sukzessive erweitert.2
Heute geht man davon aus, dass technischer Wandel auch sehr stark von
immateriellen/intangiblen Investitionen (Forschung und Entwicklung,
Humankapitalaufbau, Organisation) sowie über Ausgabenkategorien, die
bis dahin nicht in der Messung des Kapitalstocks erfasst wurden (Software, Design, Marketing), getrieben wird. Um die Interaktion zwischen
technischem Fortschritt, Beschäftigung und Einkommensungleichheiten
zu verstehen, müssen demzufolge verschiedene Wirkungsketten berücksichtigt werden, die von diesem breiteren Konzept ausgehen.
Einer sehr vereinfachten theoretischen Perspektive folgend, können die
unterschiedlichen Effekte des technologischen Wandels zwei unterschiedlichen Arten der Innovation zugeordnet werden: der Veränderung
von Produktionsprozessen (Prozessinnovationen) und der Hervorbringung neuer Produkte (Produktinnovationen).3 Der Prozessinnovation werden in der Regel arbeitssparende und tendenziell beschäftigungsverringernde Effekte zugeschrieben, während der Produktinnovation markter593
        

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