Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 2 (2)

den sie das Klima zwischen ihren KollegInnen und das Verhältnis zu
Vorgesetzten als besser. Diese Erkenntnisse können als Anhaltspunk-
te gewertet werden, dass Unternehmen einerseits auf Arbeitsverdich-
tung und andererseits auf verstärkte Motivation setzen. So würden
gering bezahlte Tätigkeiten etwa durch bessere Organisation aufge-
wertet. Unter dem Strich stieg die Zufriedenheit der Mindestlohnbe-
schäftigten mit ihrem Lohn, mit der Vereinbarkeit von Beruf und Fami-
lie, aber auch mit ihrer Arbeitssituation deutlich an.
Makroökonomische Effekte des Mindestlohns in Deutschland sind
dagegen kaum nachweisbar. Im Vorfeld der Einführung des deutschen
Mindestlohns war die ökonomische Debatte aufgeheizt. Prominente
ÖkonomInnen vor allem unternehmensfreundlicher Forschungsinstitu-
te übertrafen sich mit Prognosen, welch enorme Beschäftigungsverlus-
te zu erwarten wären. Dabei ging die internationale wissenschaftliche
Debatte, vor allem in den USA, aber auch in Großbritannien bereits seit
Mitte der 1990er-Jahre von ambivalenten Effekten des Mindestlohns
auf die Beschäftigung aus – negative wie auch positive Ergebnisse
wurden publiziert. In Deutschland verschob sich die wissenschaftliche
Debatte dennoch so weit, dass auch progressivere Institute deutliche
Beschäftigungsverluste prognostizierten. Insgesamt waren so kaum
Gegenstimmen zu den – letztlich weit überzogenen – Simulationen zu
Beschäftigungsverlusten zu vernehmen.
In einer ersten Welle von Studien 2007/2008 kamen die meisten der-
selben zu Ergebnissen, wonach die Zahl der Beschäftigten bei einem
Mindestlohn von A 7,50 um 750.000 bis fast 1,2 Mio. sinken würde. Eine
zweite Welle von Studien zum Teil derselben Forschungsinstitute setz-
te 2014 den Mindestlohn bei A 8,50 an und schätzte die negativen Be-
schäftigungseffekte auf 500.000 bis 900.000.
Die ersten empirischen Studien über die tatsächlichen Auswirkungen
der Mindestlohneinführung, die sich auf Daten aus dem Jahr 2016 stüt-
zen, zeigen: Etwas weniger Aufgeregtheit hätte der Debatte gutgetan.
Die meisten Modelle lagen nämlich weit daneben. Die tatsächlichen
Beschäftigungseffekte lagen den bisherigen Daten nach zwischen null
und 60.000 „nicht geschaffener“ Arbeitsverhältnisse – bei ca. 32 Mio.
Beschäftigten in Deutschland. Die einzige Beschäftigungsform, bei der
tatsächlich Einbrüche zu verzeichnen waren, sind Minijobs (geringfügi-
ge Beschäftigung). Allerdings ging ein Gutteil dieser Arbeitsplätze nicht
verloren, sondern wurde in sozialversicherungspflichtige Beschäfti-
gung aufgewertet. Der deutsche Arbeitsmarkt wuchs somit von der Ein-
führung des Mindestlohns weitgehend unbeeindruckt weiter.
Andere Auswirkungen sind auf makroökonomischer Ebene ebenfalls
kaum zu verzeichnen. Die höhere Nachfrage der untersten Einkom-
mensgruppen, die ca. 80% des zusätzlichen Einkommens kurzfristig
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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 2
        

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