Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 2 (2)

Die globale Wirtschaftselite
Rezension von: Michael Hartmann,
Die globale Wirtschaftselite – Eine
Legende, Campus, Frankfurt/Main 2016,
246 Seiten, broschiert, A 24,95;
ISBN 978-3-593-50610-6.
Schon bevor das große Interesse an
der ungleichen Verteilung von Vermö-
gen und Einkommen und der zuneh-
menden Kluft zwischen den obersten
1% und den 99% darunter erwacht ist,
hat sich der deutsche Soziologe Mi-
chael Hartmann intensiv mit der Rolle
von Eliten in der Gesellschaft ausein-
andergesetzt. Hartmann interessiert
sich dabei besonders für Prozesse der
Elitenformierung und für die politischen
Einstellungen und das politische Ver-
halten von Eliten. In seinem 2013 er-
schienenen Buch „Soziale Ungleich-
heit – kein Thema für die Eliten“ setzte
sich der Soziologe etwa mit der Frage
der Einstellungen der Eliten zur Fi-
nanzkrise und zum Problem der sozia-
len Ungleichheit auseinander. Er konn-
te zeigen, dass diese nicht nur stark
von den Einstellungen der Mehrheit
der Bevölkerung abweichen, sondern
auch geprägt sind von der jeweiligen
sozialen Herkunft: Je höher die soziale
Herkunft eines Elitenangehörigen,
desto weniger wird etwa soziale Un-
gleichheit als Problem wahrgenom-
men.
Im vorliegenden Werk widmet sich
Michael Hartmann einer Thematik, die
ihn bereits in seinem 2007 erschienen
Buch „Eliten und Macht in Europa“ be-
schäftigt hat: der Frage nach der Ent-
stehung einer globalen Wirtschaftseli-
te, das heißt nach dem Entstehen einer
transnationalen sozialen Klasse. Nach
Hartmanns Definition wäre hiervon zu
sprechen, wenn „die Topmanager der
größten Unternehmen und die reich-
sten Menschen der Welt durch um-
fangreiche und kontinuierliche Erfah-
rungen außerhalb ihres Heimatlandes
einen eigenständigen Habitus ausbil-
den, der sich deutlich von dem ihrer auf
der nationalen Ebene verbleibenden
Pendants unterscheidet“ (S. 20).
Ausgangspunkt für diese For-
schungsfrage ist Hartmanns Wahrneh-
mung, dass sowohl in der Wissen-
schaft wie in der Praxis die Existenz ei-
ner solchen globalen Wirtschaftselite
schlicht als gegeben angenommen
wird. Dies habe höchst unterschiedli-
che Gründe: So würden Spitzenmana-
gerInnen sich selbst gern als transna-
tional darstellen, um auf die internatio-
nale Konkurrenz zu verweisen und da-
mit ihre hohen Einkommen legitimieren
zu können. Für linke AktivistInnen wäre
demgegenüber die Idee einer „globa-
len Elite“ gut politisierbar. Diese bei-
den, höchst unterschiedlichen Anlie-
gen findet Hartmann auch in der aka-
demischen Debatte wieder, wo seiner
Ansicht nach oft viel zu leichtfertig von
einer „transnational capitalist class“ ge-
sprochen werde. Klassenbildungspro-
zesse würden häufig mit wirtschaftli-
chen Strukturveränderungsprozessen
in Zusammenhang gebracht, ohne al-
lerdings empirisch konkret nachge-
zeichnet zu werden. Hartmann bezwei-
felt jedoch die Existenz einer globalen
Wirtschaftselite – wie der Untertitel sei-
nes Buches „eine Legende“ bereits na-
helegt – und geht eher davon aus, dass
sich die Wirtschaftselite weiterhin na-
tional rekrutiert.
Hartmann will aber nicht nur die er-
wähnte Forschungslücke schließen.
Als politisch aktiver Forscher entwi-
ckelt er seine wissenschaftlichen Fra-
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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 2
        

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