Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 2 (2)

welche bereits 1931 die Einführung fi-
xer Wechselkurse und schließlich 1933
die Abwertung des Schillings um 28%
nach sich zog.
Die Ursachen
Besonders Interesse verdient jenes
Kapitel, in welchem Weber versucht,
die Ursachen der CA-Krise aus heuti-
ger Sicht bloßzulegen. Täuschte der
Vorstand die Bundesregierung 1931
über das wahre Ausmaß der Verluste?
Tatsächlich entsprachen die vorgeleg-
ten Verlustziffern in keiner Weise der
Realität, weil sie noch unter den Gege-
benheiten von 1930 bewertet worden
waren und nicht den seither eingetrete-
nen Rückschlag ins Kalkül gezogen
hatten. Generaldirektor van Hengel
eruierte anstelle eines Abganges von
140 Mio. eine solchen von 814 Mio.,
bemerkte aber, dass sich diese Sum-
me im Zeitablauf ständig vergrößert
habe. Faktum bleibt, dass die Regie-
rung die höheren Verluste nach Mög-
lichkeit verschleierte.
Freilich entsprach diese Position
auch den bankinternen Verhaltenswei-
sen, welche seit Jahren durch „optimis-
tische Fiktionen“ gekennzeichnet ge-
wesen sei, freilich auch mit dem Be-
streben, Industriearbeitsplätze nicht zu
gefährden. Ohne jeden Zweifel habe
auch die unter politischem Druck zu-
stande gekommene Fusion mit der ver-
lustträchtigen Boden-Credit-Anstalt die
CA schwer belastet. Zwar versuchte
die Regierung dem früheren CA-Vor-
stand strafrechtliche Verfehlungen an-
zulasten, doch endeten die eingeleite-
ten Verfahren mit der Einstellung.
Weber nimmt in der Gesamtbeurtei-
lung der Krise von CA sowie den meis-
ten österreichischen Großbanken eine
mittlere Position ein. Einerseits proble-
matisiert er Kritiken, die aus der Ex-
post-Kenntnis geübt wurden. So hatte
niemand die Weltwirtschaftskrise vor-
ausgesehen und, selbst als sie ein-
setzte, konnte man einen der üblichen
Konjunkturrückschläge erwarten. Auch
sei die Schwäche des österreichischen
Bankensystems in hohem Maße durch
den Zerfall des Wirtschaftsraumes und
die Inflation bedingt gewesen. Unmit-
telbare Ursache der Probleme wären in
den Einbrüchen des Industriekonzerns
gelegen. Andererseits hätte man aber
zu leichtfertig auf eine positive Wirt-
schaftsentwicklung vertraut, und die
Bankvorstände hätten es dadurch an
dem verantwortungsbewussten Han-
deln eines ordentlichen Kaufmanns er-
mangeln lassen. Die Bilanzierungen
bewegten sich oft am Rande des Straf-
rechtlichen.
Zeigt der Autor noch ein gewisses
Verständnis für die Akteure des Ban-
kensektors, so fällt sein Urteil über die
Wirtschaftspolitik der späten Dreißiger-
jahre vernichtend aus. Hier paarten
sich ökonomische Ahnungslosigkeit
mit ideologischer Verbohrtheit und au-
toritärer Politik. Er sieht viele Parallelen
mit der heute in Griechenland betriebe-
nen Wirtschaftspolitik.
Ein wesentlicher Beitrag
Die Arbeit Webers repräsentiert ei-
nen wesentlichen Beitrag zur Analyse
der österreichischen Wirtschaft in der
Ersten Republik im Allgemeinen und
der CA-Krise im Besonderen. Ohne je-
den Zweifel geht sie in der Fülle des
dargebotenen Materials über alle bis-
herigen Studien hinaus. Das gilt nicht
nur für Daten und Fakten, sondern
auch für die verwendete Literatur. Hier
werden bisher kaum bekannte, interes-
sante Positionen von Zeitgenossen
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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 2
        

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