Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 2 (2)

destlohn darüber hinaus eine Orientierungsfunktion haben. Somit gibt es auch eine Verteilungswirkung zwischen den Branchen und Unter- nehmen. Bei zunehmender Dezentralisierung der kollektivvertragli- chen Lohnverhandlungen übernimmt der Mindestlohn tendenziell eine makroökonomische Koordinierungsfunktion und kann eine Lohndyna- mik, abhängig von den herrschenden Kräfteverhältnissen, nach unten bremsen, aber auch eine Lohndynamik nach oben beschleunigen. Das spielt bei Klein- und Mittelunternehmen, wo Gewerkschaften meist nur schwach vertreten sind, eine größere Rolle. Bei gesetzlichen Mindestlohnregimen unterscheiden sich die Mecha- nismen zur Lohnanpassung. In der Praxis sind aber auch hier Gewerk- schaften in die Mindestlohnsetzung involviert. In vielen Ländern ist die Teilhabe der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände an der Min- destlohnpolitik institutionalisiert, beispielsweise in der „Low Pay Com- mission“ in Großbritannien, der „Commission Nationale de la Négociati- on Collective“ in Frankreich oder in der „Mindestlohnkommission“ in Deutschland, wobei die festgeschriebenen Einflussmöglichkeiten stark variieren. Von zentraler Bedeutung ist auch die Ausgestaltung der kon- kreten gesetzlichen Grundlage für die Festlegung von Mindestlöhnen, die in manchen Ländern asymmetrisch gegen Mindestlohnerhöhungen formuliert ist. Empirische Untersuchungen zu den Verteilungswirkungen des Min- destlohns gibt es aus den USA und seit Kurzem aus Deutschland. Ins- besondere die deutsche Debatte ist durch die größere zeitliche und ins- titutionelle Nähe sowie die intensiven wirtschaftlichen Verbindungen relevant. Deutschland führte am 1. Jänner 2015 einen Mindestlohn in Höhe von 8,5 Euro pro Stunde ein, der am 1. Jänner 2017 auf 8,84 Euro erhöht wurde. Erste Ergebnisse zeigen, dass – wie auch in den USA – der Mindestlohn zu einer Reduktion der Ungleichheit zwischen den Lohneinkommen führte. Der Anstieg ist bei den Niedrigstlöhnen unter der Mindestlohngrenze besonders stark; in den ersten drei Quartalen des Jahres 2015 zeigte sich ein höherer Lohnanstieg bei weniger Qua- lifizierten und bei Minijobs (d. h. geringfügiger Beschäftigung). In Ost- deutschland, wo das Lohnniveau am niedrigsten war, entfaltet sich die Wirkung des Mindestlohns am stärksten. Es lassen sich erste Spillover- Effekte auf Löhne im unteren (aber nicht untersten) Segment beobach- ten. 2015 fielen die Tarifverdienste zwar kaum höher aus als in der Vor- jahresperiode, der Mindestlohn konnte dennoch dazu beitragen, dass es 2015 seit gut zwei Jahren erstmals wieder eine positive und seither anhaltende Lohndrift gab. Das heißt, die tatsächlichen Löhne stiegen stärker als die kollektivvertraglich vereinbarten. Der Grund liegt mögli- cherweise darin, dass Unternehmen darauf bedacht sind, eine be- stimmte Lohnhierarchie aufrechtzuerhalten. 172 Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 2

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.