Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 3
auf die Motive für die Vermögensakku-
mulation ein. Gegenübergestellt wer-
den hier zwei Sichtweisen: Auf der ei-
nen Seite steht die im ökonomischen
Mainstream sehr einflussreiche Sicht,
dass Nutzen für den Menschen haupt-
sächlich durch Konsum und Freizeit
entsteht. Vermögen stiftet in dieser
Sicht dadurch Nutzen, dass die Vermö-
gensgüter entweder zum aktuellen
Konsum beitragen (z. B. ein Haus)
oder in Form von Ersparnissen zukünf-
tigen Konsum ermöglichen. Auf der
anderen Seite steht die Ansicht, dass
Zufriedenheit stark mit sozialem Sta-
tus zusammenhängt und Vermögen
seinem Besitzer zu diesem Status ver-
hilft.
Diese Unterscheidung trifft man im
Buch mehrmals wieder, etwa bei der
Frage, welche Rolle die Altersstruktur
für die Vermögensungleichheit spielt
(Kapitel 4). Wenn Vermögen primär
deshalb akkumuliert wird, weil es für
zukünftigen Konsum gedacht ist, so
würde Ungleichheit automatisch da-
durch entstehen, dass Menschen sich
in unterschiedlichen Phasen ihres Le-
benszyklus befinden: Während junge
Menschen gerade erst damit angefan-
gen haben, Ersparnisse fürs Alter auf-
zubauen, sind die etwas älteren schon
weiter fortgeschritten in diesem Pro-
zess und dementsprechend vermö-
gender. Diese Sicht legitimiert damit in
gewisser Weise Vermögensungleich-
heit.2
Wird Vermögen allerdings vor allem
aus Statusgründen akkumuliert, dann
dient es weder direkt der Altersvorsor-
ge, noch kann man davon ausgehen,
dass diese Vermögen im Laufe des Le-
bens von ihrem Besitzer aufgebraucht
werden. Was wir stattdessen erhalten,
ist eine Gesellschaft, in der Erbschaf-
ten zunehmend die individuelle Positi-
on in der Vermögensverteilung bestim-
men.
Außerdem spielt diese Unterschei-
dung im Buch bei der Diskussion über
die möglichen Auswirkungen von Ver-
mögensbesteuerung (Kapitel 8) eine
Rolle: Dient Vermögen primär als Mittel
zum Konsum, so könnte eine Besteue-
rung von Vermögen dazu führen, dass
Menschen weniger Bemühungen in die
Anhäufung von Vermögen stecken und
stattdessen mehr Freizeit genießen,
was sich negativ auf das BIP auswir-
ken würde. Geht es aber bei Vermögen
zu einem großen Teil um sozialen Sta-
tus, so würde eine progressive Vermö-
gensbesteuerung die Bemühungen
der Reichen nicht reduzieren, sondern
könnte sie sogar anstacheln, da es ja
weiterhin nur darum geht, nicht an rela-
tiver Position zu verlieren.
Bei der Beantwortung der Frage, ob
Veränderungen in der Vermögensver-
teilung gewissen Gesetzmäßigkeiten
unterliegen (Kapitel 5), orientieren sich
die Autoren an der Theorie von Piketty,
der zufolge die Vermögensungleich-
heit dann zunimmt, wenn die Ertrags-
rate auf Kapital (r) größer ist als die
Rate des Wirtschaftswachstums (g).
Dieses Kapitel bietet eine Zusammen-
fassung von Pikettys Thesen sowie der
Kritik, die daran bisher geäußert wur-
de.3
Wie soll nun ungeachtet des Ist-Zu-
standes der Sollzustand aussehen?
Für die Beantwortung dieser keines-
wegs leichten Frage wählen die Auto-
ren einen sehr guten Zugang, indem
sie hierfür verschiedene Schulen zu
Wort kommen lassen. Dabei spannt
Kapitel 6 einen Bogen von der konser-
vativen Sichtweise („Der Kontinuität
zwischen Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft ist am besten gedient,
wenn privates Eigentum unantastbar
        

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