Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2017 Heft 3 (3)

Schrumpft die Mittelschicht
in Europa?
Rezension von: Daniel Vaughan-
Whitehead, Europe’s Disappearing
Middle Class? Evidence from the World
of Work, Edward Elgar, Cheltenham, und
International Labour Office, Genf 2016,
648 Seiten, gebunden, ? 135;
ISBN 978-1-786-43059-5.
Das vorliegende Buch entstand aus
einem Projekt der Internationalen Ar-
beitsorganisation (International Labour
Organisation, ILO), bei dem ExpertIn-
nen aus 15 Ländern die Veränderung
der Mittelschicht und den Zusammen-
hang mit Arbeitsmarktentwicklungen
untersuchten. Um den LeserInnen Auf-
zählungen von Länderlisten zu erspa-
ren, versucht diese Rezension einen
Überblick über die drei Grundfragen zu
geben, die das Buch für jedes Land
einzeln adressiert. Dabei stützt sie sich
hauptsächlich auf das Kapitel des He-
rausgebers Daniel Vaughan-White-
head mit Rosalia Vazquez-Alvarez und
Nicolas Maître, allesamt ÖkonomInnen
der ILO-Abteilung Inclusive Labour
Markets, Labour Relations and Wor-
king Conditions (INWORK).
Diese drei Leitfragen sind nun: Ers-
tens, wie sieht die Ungleichheit über
die gesamte Breite der Einkommens-
verteilung aus? Die herrschende öko-
nomische Debatte fokussierte über
Jahrzehnte auf die niedrigen Einkom-
men (d. h. Armut), und seit Thomas
Pikettys Arbeiten mit Koautoren wie
Emmanuel Saez und (eingeschränkt)
Tony Atkinson stellt sie nun auf die
obersten Einkommensgruppen ab. Im
Gegensatz zu dieser Konzentration auf
die Ränder fokussiert das Buch auf die
Mitte der Einkommensverteilung. So-
mit arbeiten die AutorInnen auch nicht
mit Perzentils-Relationen, die das
(Markt-)Einkommen einer hohen und
einer niedrigen Einkommensgruppe in
Verhältnis setzen (wie z. B. 90-10 oder
80-20) und unverändert bleiben, wenn
die Mitte in beide Richtungen aus-
dünnt.
Die zweite Leitfrage, die das Buch
untersucht, bezieht sich auf die Aspek-
te des Arbeitsmarkts und insbesondere
der Arbeitsbeziehungen, die Mitursa-
chen für die steigende Ungleichheit
sind. Hier haben die ILO und ihr Exper-
tInnen-Netzwerk einen entscheiden-
den Vorteil gegenüber den meisten
(auch Arbeitsmarkt-)ÖkonomInnen, da
ihr detailliertes vergleichendes Wissen
über Arbeitsmarktinstitutionen in die-
ser geballten Form wohl einzigartig ist.
Die dritte Frage, die das Buch am An-
fang aufwirft, die allerdings nicht so
eingehend bearbeitet wird wie die ers-
ten beiden, ist jene nach dem Einfluss
langfristig wirkender Arbeitsmarktfak-
toren auf die Einkommensverteilung im
Vergleich zu kurzfristigen Krisener-
scheinungen.
Die Definition der Mittelschicht ist
zwangsläufig arbiträr. Das Überblicks-
kapitel spricht die Breite der möglichen
Konzepte an, aufgrund derer eine Mit-
telschicht abgegrenzt werden kann:
Auch wenn Einkommen die gängigste
Basis ist, können Vermögen und Kapi-
talbesitz, die Berufssituation sowie die
Selbsteinschätzung mindestens eben-
so plausibel oder zumindest ergän-
zend die relative Position einer Person
oder eines Haushalts innerhalb der
Gesellschaft begründen.
Die Länderbeiträge nehmen denn
auch vereinzelt auf die breitere Mittel-
schichtsdefinition Bezug, die AutorIn-
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Wirtschaft und Gesellschaft 43. Jahrgang (2017), Heft 3
        

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