Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

Marktintegration eingeräumt werden. Erstere soll europaweit geltende
soziale Mindeststandards festlegen und die Spielräume für höhere so-
ziale Standards auf nationaler Ebene wieder erweitern. Europaweite
Koordination muss Sorge tragen, dass ökonomische und soziale Un-
gleichgewichte abgebaut und nationale Beggar-thy-neighbour-Strate-
gien durch europäische Regeln unterbunden werden. Ohne eine Neu-
ausrichtung der europäischen Wirtschaftspolitik kann es den Gewerk-
schaften nicht gelingen, ihre Lohnpolitik dauerhaft der transnationalen
Marktkonkurrenz zu entziehen.
Der Lohnpolitik kommt im Rahmen einer inklusiven Entwicklungsstra-
tegie eine Schlüsselrolle zu. Erforderlich sind:
? mittel- und längerfristig die Rückkehr zu einer produktivitätsorien-
tierten Lohnpolitik bzw. überhaupt die Etablierung derselben;
? kurzfristig eine expansivere Lohnpolitik, welche die Abnahme der
Lohnquote zumindest teilweise rückgängig macht;
? eine solidarische Lohnpolitik in dem Sinne, dass die Lohnunter-
schiede zwischen den Branchen wieder reduziert, die Einkommen
von NiedriglohnempfängerInnen überproportional angehoben wer-
den – bspw. durch Mindestlohnpolitik – und die prekäre Beschäfti-
gung zurückgedrängt wird;
? eine europaweite transnationale Koordination der Lohnpolitik1 mit
dem Ziel einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, um den der-
zeitigen Lohnsenkungswettbewerb zu beenden.
Wie postkeynesianische ÖkonomInnen herausgearbeitet haben, im-
pliziert eine Strategie lohngetriebenen Wachstums ein Entwicklungs-
modell, in dem nachhaltiges, produktivitätsorientiertes Lohnwachstum
die Nachfrageentwicklung treibt, und zwar erstens via Konsumwachs-
tum, zweitens durch über Akzeleratoreffekte induziertes Investitions-
wachstum und drittens durch Produktivitätswachstum, das endogenem
technischen Fortschritt entspringt („Strukturpeitschen-Effekt“).
Produktivitätsorientierte Lohnpolitik
Worin bestehen die gesamtwirtschaftlichen Vorteile einer nationalen
Lohnpolitik, die sich jeweils an der Teuerung (Veränderung des Ver-
Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2
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1 Das Editorial im Heft 3/2009 von WuG befasste sich u. a. mit dem Erfordernis trans-
nationaler Koordination der Lohnpolitik in der EU, den Ansätzen unilateraler Koordi-
nation durch die Gewerkschaften und den institutionellen Voraussetzungen für eine
europaweite Koordinierung. Die Hindernisse, die eine derartige transnationale Koor-
dination zu überwinden hat, sind seither eher noch höher geworden. Auf diese Hin-
dernisse kann hier aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden.
        

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