Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

grad von über 70% verfügen über staatliche Allgemeinverbindlichkeits-
regelungen oder funktionale Äquivalente (wie Österreich, Spanien und
Italien). Ausnahmen bilden hier Schweden und Dänemark, wo der hohe
Deckungsgrad auf dem hohen Organisationsgrad der Gewerkschaften
beruht, welcher wiederum vom Gent-System in der Arbeitslosenversi-
cherung begünstigt wird.
Mithilfe eines umfassenden Systems von Branchenkollektivverträgen
kann die Verteilungssituation in einem Land über mehrere Kanäle be-
einflusst werden:
? Kollektivverträge sorgen für eine gewisse Abschwächung des dem
Kapitalismus innewohnenden, strukturellen Machtungleichge-
wichts zwischen Lohnabhängigen und Unternehmen. Das gilt auch
für Kollektivverträge auf Betriebsebene, aber in noch stärkerem
Maße für koordinierte überbetriebliche Kollektivverträge. Letztere
sind langfristig besser geeignet, die im Finanzkapitalismus struktu-
rell angelegte Umverteilung von Arbeit zu Kapital einzuschränken
als dezentrale Kollektivverträge.
? Branchenkollektivverträge bilden eine bessere institutionelle Vor-
aussetzung für die volle Beteiligung der Beschäftigten am gesamt-
wirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt, da sie die gesamtwirt-
schaftliche Lohnkoordination mit dem Ziel einer im Hinblick auf die
funktionelle Einkommensverteilung neutrale, produktivitätsorien-
tierte Lohnpolitik erleichtern (siehe unten).
? Branchenkollektivverträge wirken egalitär, weil sie Mindestlöhne
festlegen, welche die Verteilungssituation der Beschäftigtengrup-
pen mit der geringsten Verhandlungsmacht verbessern. Allge-
meinverbindlichkeitserklärungen verstärken diese Wirkung. Ein
System von Branchenkollektivverträgen mit hohem Deckungsgrad
wirkt egalitär, weil es die Verteilungssituation auch der Beschäftig-
ten in jenen Branchen, in denen unqualifizierte Berufstätige über-
wiegen und die Gewerkschaften wenig verankert sind, verbessern.
? Umfassende Systeme von Branchenkollektivverträgen stellen wei-
ters einen förderlichen institutionellen Rahmen für solidarische
Lohnpolitik dar, die folgende Ziele verfolgt:
• gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit;
• gleiche jährliche Anhebung der kollektivvertraglichen Mindest-
löhne im Ausmaß von mittelfristigem gesamtwirtschaftlichen
Produktivitätsfortschritt und Teuerungsrate in allen Branchen;
• überproportionale Anhebung des kollektivvertraglichen Mindest-
lohns der jeweils untersten Lohngruppe in den einzelnen Bran-
chen;
• Komprimierung der gesamtwirtschaftlichen Lohnstruktur durch
Festlegung von gesamtwirtschaftlichen Mindestlohnzielen, die
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Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2
        

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