Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 2 (2)

Ungleichheit aus der Sicht
eines Mathematikers
Rezension von: Per Molander,
Die Anatomie der Ungleichheit:
Woher sie kommt und wie wir sie
beherrschen können, Westend Verlag,
Frankfurt/Main 2017, 224 Seiten,
gebunden, A 24;
ISBN 978-3-95471-571-8.
Die schwedische Originalausgabe
des Buches „Die Anatomie der Un-
gleichheit“ des Mathematikers und Po-
litikberaters Per Molander ist bereits
2014 erschienen. Seit 2017 gibt es nun
auch eine deutsche Übersetzung im
Westend Verlag. Der vielversprechen-
de Untertitel, welcher der deutschen
Übersetzung hinzugefügt wurde, wirft
noch vor Beginn der Lektüre die Frage
auf: Wie soll auf 216 Seiten inklusive Li-
teraturverzeichnis eine der drängends-
ten gesellschaftspolitischen Fragen un-
serer Zeit beantwortet werden? Am
Ende der Lektüre fühlte ich mich so, als
ob ich einen Crash-Kurs in Ur- und
Frühgeschichte, Spieltheorie und politi-
scher Philosophie absolviert hätte – wie
man nun die Ungleichheit beherrschen
kann, weiß ich aber noch immer nicht.
Per Molander möchte in seinem
Buch drei Fragen beantworten: 1.) Wa-
rum sind alle Gesellschaften ungleich?
2.) Kann man Ungleichheit politisch be-
einflussen? 3.) Wie haben sich die
klassischen Ideologien – Liberalismus,
Konservativismus und Sozialismus –
zur Ungleichheit positioniert?
Die Geschichte der Ungleichheit
Molander stellt einleitend fest, dass
„die Geschichte der Menschheit eine
Geschichte der Ungleichheit“ (S. 12)
ist. Um dies zu untermauern, präsen-
tiert er Forschungsergebnisse zur Ver-
teilung von Ressourcen im Zeitverlauf.
Beginnend in der Steinzeit, über die
frühe und klassische Geschichte, das
Mittelalter und die Moderne zeigt Mo-
lander, dass jede Gesellschaft von Un-
gleichheit geprägt war.
Allerdings ist der Großteil der
Menschheitsgeschichte davon ge-
kennzeichnet, dass die überwältigende
Mehrheit der Bevölkerung nahe am
Existenzminimum lebt – wodurch es
kaum Platz für Ungleichheit gibt, da die
Verteilung der Ressourcen sicherstel-
len muss, dass alle zumindest überle-
ben. Erst durch die Erwirtschaftung ei-
nes Überschusses kann Ungleichheit
entstehen. Machtunterschiede zwi-
schen Besitzenden und Ressourcen-
schwachen werden deutlich, und die
Ungleichheit wird nur dadurch be-
grenzt, dass die Besitzenden die Res-
sourcenschwachen arbeitsfähig halten
müssen. Bis die hypothetische Grenze
erreicht ist, steigt die Ungleichheit par-
allel zur ökonomischen Entwicklung –
die einzige Ausnahme bildet das 20.
Jahrhundert mit der Demokratisierung
und der Entstehung von Wohlfahrts-
staaten. Dennoch lautet die erste Zwi-
schenconclusio von Molander: Die im
Zeitverlauf steigende Ungleichheit ist
als natürliche Tendenz zu verstehen,
und diese gilt es zu erklären.
Verhandlungsspiele
Im Mittelpunkt von Molanders Analy-
se der Ungleichheit stehen Verhand-
lungen als zentrales Element jedes ge-
sellschaftlichen Zusammenlebens. Er
beschreibt, basierend auf spieltheoreti-
schen Überlegungen, den Mechanis-
mus, der dem elementaren Verhand-
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Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 2
        

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