Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 2018 Heft 3 (3)

Wozu ökonomische Theorie-
geschichte studieren?
Rezension von: Heinz D. Kurz,
Geschichte des ökonomischen Denkens,
C.H. Beck, München 2017, 128 Seiten,
broschiert, A 8,95;
ISBN 978-3-406-65553-1.
Die Theoriegeschichte, einst ein stol-
zes Fach der Volkswirtschaftslehre,
befindet sich heute in einem bemitlei-
denswerten Zustand. Im deutschspra-
chigen Raum gibt es gegenwärtig nur
noch einen einzigen Lehrstuhl, der die-
ser Disziplin gewidmet ist und den Eli-
sabeth Allgoewer innehat. Dieser ist
angesiedelt an der Fakultät der Wirt-
schafts- und Sozialwissenschaften der
Universität Hamburg. Damit aber nicht
genug: Hinzu kommt nämlich, dass es
kaum noch institutionelle Anlässe gibt,
zu denen sich der theoriegeschichtlich
Interessierte mit Gleichgesinnten aus-
tauschen könnte. Zu diesen seltenen
Gelegenheiten gehören etwa die Ta-
gung des Ausschusses für die Ge-
schichte des ökonomischen Denkens
des Vereins für Sozialpolitik, das in Er-
furt stattfindende Doktorandenseminar
zur Erneuerung der Ordnungsökono-
mik und das in Frankfurt am Main an-
gesiedelte dogmenhistorische Dokto-
randenkolloquium.
Gibt es aber kaum noch die Möglich-
keit, als Theoriehistoriker im wissen-
schaftlichen Betrieb beruflich unterzu-
kommen, und besteht daher die ver-
mutlich einzige akademische Erfolgs-
strategie darin, den wissenschaftlichen
Exodus anzutreten, um in den Nach-
bardisziplinen als Exilant sein Glück zu
versuchen, bleibt auch der wissen-
schaftliche Nachwuchs aus. Dies wirkt
sich aber nicht nur nachteilig auf die
Forschung aus. Natürlich hat auch die
Lehre unter dem Umstand zu leiden,
dass die Anzahl theoriegeschichtlicher
Experten stetig abnimmt und kaum
noch Vorlesungen und Seminare zu
dieser Thematik abgehalten werden.
Es dürfte daher wenig überraschend
sein, dass der Kenntnisstand von Stu-
dierenden der Volkswirtschaftslehre
hinsichtlich der Vergangenheit ihres ei-
genen Fachs mehr als bescheiden
ausfällt.
Erklären lässt sich dieses mangeln-
de Interesse an der Theoriegeschichte
vor allem mit dem wissenschaftlichen
Selbstverständnis, das in dem derzeit
herrschenden Paradigma der Volks-
wirtschaftslehre – dem Mainstream –
vertreten wird. Diesem Paradigma fol-
gend versteht sich die Volkswirt-
schaftslehre als eine den Naturwissen-
schaften nahestehende Disziplin. Ent-
sprechend propagiert sie auch ein ku-
mulatives Verständnis von wissen-
schaftlichem Fortschritt: Der heutige
Wissensstand der ökonomischen Zunft
beinhaltet alles Richtige, alles Falsche
wurde hingegen längst ausgesondert.
Wozu bedarf es dann noch einer Theo-
riegeschichte des eigenen Fachs? Die-
se könnte nicht viel mehr sein als die
Geschichte der Fehltritte der Wissen-
schaft.
Dass die Theoriegeschichte von der
Mehrheit der Ökonomen tatsächlich für
eine Art Friedhof gescheiterter Theo-
rien gehalten wird, offenbart sich etwa
dann, wenn Monika Schnitzer, Vorsit-
zende des Vereins für Sozialpolitik, in
einem Interview im Wirtschaftsblog der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus
dem Jahr 2015 folgenden Vergleich
anstellt: „Wenn Sie einen Medizinstu-
denten ausbilden, dann lehren Sie
auch nur die neuesten Methoden, so
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Wirtschaft und Gesellschaft 44. Jahrgang (2018), Heft 3
        

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