Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

die Beurteilung von deren Abhängig-
keiten untereinander sowie auch die
Bewertung und Gewichtung von beob-
achtbaren Effekten können je nach
Blickwinkel und Ausgangspunkt durch-
aus ganz unterschiedliche Bilder zeich-
nen, zumal es ohnehin sehr schwer ist,
in Politikbereichen, die sich über einen
langen Zeitraum entwickeln und die
von einem allgemeinen Wandel in vie-
len Lebensbereichen begleitet sind,
signifikante Veränderungen zu identifi-
zieren, die ursächlich auf den Reform-
schritt zurückzuführen sind.
Vor dem Hintergrund dieser struktu-
rellen empirischen und analytischen
Probleme versuchen die AutorInnen
aber dennoch durch die Zusammen-
fassung diverser empirischer Literatur
einige Folgen der Reformschritte zu
identifizieren. Dabei wird herausgear-
beitet, dass es keine allgemein gülti-
gen Ergebnisse gibt und die Entwick-
lung in jedem Sektor und auch in jedem
Land ganz unterschiedlich verlaufen
kann. Sie legen zudem kritisch dar,
dass es auch viele Mechanismen gibt,
die dazu führen können, dass die Ef-
fekte sogar in die Gegenrichtung aus-
schlagen können und sie den ur-
sprünglichen Zielen zuwiderlaufen. So
können zum Beispiel Privatisierungs-
schritte auch dazu führen, dass die
Preise steigen und die als Folge von
potenziellen Effizienzsteigerungen ver-
muteten Kostensenkungen ausblei-
ben.
Dieser allgemeinen Einführung
schließen sich Beiträge an, die sich mit
den konkreten Entwicklungen in einzel-
nen Sektoren beschäftigen. Dabei wird
ein Abriss der historischen Entwicklung
und der Reformschritte der EU in den
Energie-, Eisenbahn-, Telekommuni-
kations- und Postmärkten gegeben,
und es werden auch die Folgen der Li-
beralisierung und Privatisierung an-
hand der tatsächlich stattgefundenen
Umsetzung in verschiedenen Ländern
aufgezeigt.
Die AutorInnen gehen dabei auch auf
die interessanten Verwerfungen ein,
die sektorspezifische Reformprozesse
in manchen Ländern produziert haben.
Gerade in Großbritannien, wo ja be-
sonders auf freie Märkte und privates
Eigentum an Unternehmen gedrängt
worden ist, hat sich in der Rückschau
gezeigt, dass dieser Weg oft durch
eine Verschlechterung der Versor-
gung, Sicherheitsprobleme infolge zu
niedriger Investitionen sowie steigende
Preise gekennzeichnet war.
In Staaten, die hingegen einen mo-
derateren Zugang zu Reformen von
Netzbranchen wählten und die weiter-
hin sowohl durch öffentliches Eigentum
als auch durch ein effektives Regulie-
rungsregime eine stärkere Kontrolle
über die Märkte beibehielten, scheint
hingegen der Umstrukturierungspro-
zess und die Balance der Interessen
oft besser gelungen zu sein. Aber auch
hier gilt, dass es jeweils auf den Einzel-
fall ankommt, die empirischen Analy-
sen also keineswegs immer eindeutig
sind.
Gerade für den Energiesektor zeigen
die AutorInnen, dass die Effekte von Li-
beralisierung und Privatisierung auch
in der Literatur umstritten sind. Wäh-
rend manche von einem positiven Ef-
fekt auf die Effizienz ausgehen, der
zum Teil auch den KonsumentInnen
zugutegekommen ist, kommen andere
Untersuchungen zu dem Ergebnis,
dass es im Privatkundensegment eher
zu Preissteigerungen gekommen ist,
während der Unternehmenssektor
eher verschont wurde.
Anders hat sich der nunmehr voll-
ständig liberalisierte Telekommunika-
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45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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