Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

Eine Globalgeschichte
der Arbeit
Rezension von Marcel van der Linden,
Workers of the World. Eine Global-
geschichte der Arbeit, Campus-Verlag,
Frankfurt am Main 2017, 503 Seiten,
broschiert, A 41,10;
ISBN 978-3-593-50619-7.
Die globale Geschichte der Arbeit ist
ein vergleichsweise neues Feld, das
viele unterschiedliche Aspekte um-
fasst. Zu ihren wichtigsten Anliegen
gehört die stärkere intellektuelle und
institutionelle Einbeziehung der Ge-
schichtsschreibung über und im „glo-
balen Süden“. Anregungen aus den
Diskussionen über Kolonialismus und
Postkolonialismus waren in zahlrei-
chen Anläufen zu globalen Perspekti-
ven in der Geschichtsforschung von
wesentlicher Bedeutung. Dies gilt auch
für die Geschichte der Arbeit.
Eine weiterhin zentrale Frage lautet,
wie Kolonialismus die Geschichte der
Arbeit geprägt hat. Eine wichtige Insti-
tution in diesem Zusammenhang ist die
Sklavenplantage als formative Erfah-
rung in der Entwicklung großer, strikt
organisierter und eng überwachter Un-
ternehmen. Wie hat diese Erfahrung
Vorstellungen, Organisation und Prak-
tiken von Arbeit in der Welt geformt?
Schließlich bietet auch ein Argument
von Karl Marx, so der Autor, wichtige
Anregungen: Folgen wir ihm, sind der
Zugang zu Land und die Möglichkeit
der Migration Hindernisse für die ur-
sprüngliche Akkumulation.
In diesem Rahmen kann die Übertra-
gung von Arbeitsmustern (einschließ-
lich Rechtsformen von Arbeit, Arbeits-
ethik, Ausbildung und Disziplin) vom
Westen in die Kolonien untersucht wer-
den, wobei sich die realen Auswirkun-
gen solcher Übertragungen oftmals
von den mit ihnen verbundenen Ab-
sichten unterschieden – zentrale Kon-
zepte sind Transfer, Abstoßung und
Wandel. Gleichzeitig, so der Autor wei-
ter, ist es von großer Bedeutung, die
Einflüsse in entgegengesetzter Rich-
tung – von der Kolonie in die Metropole
– festzuhalten und zu erforschen. Mi-
grationen sind in diesem Zusammen-
hang ein wichtiges Forschungsfeld.
Neben dem Konzept der Arbeit muss
auch das Konzept der Arbeiterklasse
neu beleuchtet werden. Der Begriff
entwickelte sich im 19. Jahrhundert im
nordatlantischen Raum zur Benen-
nung der sogenannten „respektablen“
ArbeiterInnen – um sie von SklavInnen
und anderen unfreien ArbeiterInnen
wie zum selbstständigen Kleinbürger-
tum und den armen Ausgestoßenen,
dem Lumpenproletariat, abgrenzen zu
können. Für viele Regionen der Welt
macht eine solche Kategorisierung je-
doch wenig Sinn. Denn unfreie Arbeiter
der unterschiedlichsten Art sind in wei-
ten Teilen der Welt die Regel und nicht,
wie die klassische – eurozentrische –
Definition von Arbeiterklasse sugge-
riert, die Ausnahme.
Zu den Anliegen der Global Labour
History gehört es, eine neue Begriff-
lichkeit von Arbeiterklasse zu entwi-
ckeln, die sich stärker an der Inklusion
verschiedener abhängiger oder margi-
nalisierter Arbeitergruppen orientiert.
Ein sehr gutes Beispiel bietet die eta-
blierte Geschichtsschreibung zur Skla-
verei in Brasilien, die ihre Forschungen
zunehmend auch als Beitrag zur Ge-
schichte der Arbeit versteht.
Es ist ja bekannt, so der Autor, dass
der Rassismus in Brasilien nie derart
umfänglich institutionalisiert war wie in
Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
158
        

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