Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

Editorial
Der tendenzielle Fall der Lohnquote und wie man
ihn wieder umkehren könnte
Die Lohnquote stellt den Anteil der Löhne am gesamtwirtschaftlich er-
zielten Einkommen dar. Sie erreichte im Jahr 1978 ihren historischen
Höchstwert mit 77,2% des Nettoinlandsprodukts zu Faktorkosten (Ar-
beitnehmerInnenentgelte plus Gewinne). In den darauffolgenden vier
Jahrzehnten ist sie um 9 Prozentpunkte gesunken und betrug 2017
noch 68,4%. Spiegelbildlich ist der Anteil der Gewinn- und Vermögens-
einkommen gestiegen.
Doch innerhalb dieser vier Jahrzehnte waren die Entwicklung und
deren Determinanten recht unterschiedlich. Von Ende der 1970er-Jah-
ren bis Mitte der 1990er-Jahre sank die Lohnquote leicht; darauf folgte
ein scharfer Einbruch bis zum Beginn der Finanzkrise; in der Finanzkri-
se stieg sie merklich. Als die vier wichtigsten ökonomischen Bestim-
mungsgründe der Entwicklung der Lohnquote erwiesen sich: der Kon-
junkturzyklus, die Höhe und Veränderung der Arbeitslosigkeit,
Internationalisierung und Finanzialisierung sowie die Finanzkrise.
Antizyklischer Verlauf der Lohnquote
Das Jahr 1978 mit der bislang höchsten Lohnquote war ein Rezes-
sionsjahr („Leistungsbilanzkrise“): Das reale BIP sank um 0,2%, und
dennoch gelang es der Regierung Kreisky, die Arbeitslosigkeit auf Voll-
beschäftigungsniveau (2,1% der unselbstständigen Erwerbspersonen)
zu halten. In diesem Jahr zeigte sich die Bedeutung von zwei generell
sehr wichtigen Determinanten der Lohnquote.
Die Lohnquote unterliegt konjunkturellen Schwankungen: In der Re-
zession brechen Produktivität und Gewinne ein, während die kollektiv-
vertragsbestimmten Lohneinkommen erst mit Verzögerung reagieren.
Deshalb steigt die Lohnquote. Dies ist 1978 und 1981 ebenso sichtbar
wie 1992/93 und war in der tiefen Rezession 2008/09 besonders aus-
geprägt. In der Hochkonjunktur hingegen wachsen die Gewinne kräftig,
während der Anstieg der Löhne zurückbleibt: Die Lohnquote sinkt.
45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
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