Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

beschäftigungsorientierten nationalstaatlichen Wirtschaftspolitik zu-
gunsten des Beitritts zur wettbewerbsorientierten EU sowie ein enor-
mer Vermögensboom im Zuge der Finanzmarktliberalisierung, der zu
einem exorbitanten Anstieg der Einkommen aus Vermögensbesitz bei-
trug. Die Lohnquote sank innerhalb von nur 13 Jahren von 73% auf
63% des Nettoinlandsprodukts.
Anstieg in der Finanzkrise
Auf das Jahrzehnt mit dem stärksten Rückgang folgte ein Jahrzehnt
mit einem markanten Anstieg der Lohnquote im Zuge der weltweiten Fi-
nanzkrise. Dies war kurzfristig das Ergebnis der schweren Rezession:
Das reale BIP sank 2009 um 3,8%; das war der stärkste Rückgang von
Produktion und Nachfrage seit 1945. Nettobetriebsüberschuss und
Selbstständigeneinkommen brachen 2009 um 11,7% gegenüber dem
Vorjahr ein; dem standen Lohnabschlüsse gegenüber, die im Herbst
2008 auch aufgrund der hohen Inflationsrate des Vorjahres relativ hoch
ausfielen (Tariflohnindex +3,4%, unselbstständige Beschäftigung
–0,7%). Dazu kam mit Verzögerung der Einbruch der Vermögensein-
kommen, der zunächst die Dividenden, im Zuge der unkonventionellen
Geldpolitik der EZB dann vor allem die Zinseinkommen betraf. Die
Lohnquote erhöhte sich 2009 kräftig um 3 Prozentpunkte auf 67,4%. In
den Folgejahren glichen einander widerstreitende Kräfte auf die Lohn-
quote aus: Flaue Konjunktur und niedrige Zinsen trafen auf steigende
Arbeitslosigkeit. Der Konjunkturaufschwung ab 2015 führte bis 2017
nach ersten (möglicherweise zu vorsichtigen) Rechnungen nur zu
einem verhaltenen Rückgang der Lohnquote, der sich 2018 fortgesetzt
haben dürfte. Die hohen Lohnabschlüsse für 2019 lassen zusammen
mit der Abschwächung des Wirtschaftswachstums eine Stabilisierung
im Jahr 2019 erwarten.
Diesen markanten Anstieg und die darauffolgende Stabilität der
Lohnquote in der Finanzkrise teilt Österreich mit Deutschland, Frank-
reich, Italien und nordeuropäischen Ländern. In einigen noch stärker
von der Finanzkrise betroffenen Ländern und institutionell weniger ge-
festigten Ländern in Süd- und Osteuropa sank die Lohnquote unter an-
derem aufgrund des drastischen Anstiegs der Arbeitslosigkeit, der Zer-
schlagung von Lohnverhandlungsstrukturen und des Rückbaus des
Sozialstaats markant.
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45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

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