Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

sel zum Wohlstand.29 Nicht bloß Schuldenfreiheit, sogar Netto-Ersparnis-
se werden nicht bloß für die privaten Haushalte, sondern auch für den
Staat empfohlen. Die gegenwärtigen Schuldenniveaus wären viel zu
hoch, langfristig gefährlich und unfair gegenüber künftigen Generationen.
Gefährlich sind allerdings nicht so sehr die Schulden, als die uninfor-
mierte, von Emotionen getragene Schuldendiskussion. Sie übersieht zu-
mindest vier zentrale Aspekte: Erstens die schon erwähnte saldenmecha-
nische Trivialarithmetik, derzufolge in der Volkswirtschaft, anders als beim
Einzelnen, die Summe der Schulden immer der Summe der Ersparnisse
entsprechen muss. Sparen die privaten Haushalte, muss sich irgendwer
im gleichen Ausmaß verschulden, Unternehmen, Staat oder Ausland.
Zweitens ignoriert die Diskussion, dass die Verschuldung des Auslands
(anhaltende Exportüberschüsse) langfristig viel problematischer ist als die
des Staates: Wenn es nicht schon zuvor zu Abwehrmaßnahmen der be-
troffenen Staaten kommt, ist auf längere Sicht eine Aufwertung unver-
meidlich,30 die die Ersparnisse der Haushalte entwertet. Drittens gibt es in
den meisten europäischen Industriestaaten kaum Indizien für eine über-
höhte Verschuldung. Netto sind die Unternehmen im Ausmaß von 74%
(Österreich) bzw. 56% (Deutschland) des BIP verschuldet, die öffentliche
Hand mit 56% (Österreich) bzw. 43% (Deutschland). Viertens ist die Angst
vor steigenden Zinsen ungerechtfertigt: Die Zinsen werden erst dann –
und nur dann – steigen, wenn der gesamtwirtschaftliche Sparüberschuss
verschwindet oder jedenfalls deutlich schrumpft – abgesehen davon, dass
das auf absehbare Zeit äußerst unwahrscheinlich ist, hat sich dann das
Problem der saldenmechanisch erforderlichen zusätzlichen Verschuldung
von Staat oder Ausland von selbst gelöst.
Wenn es ein Schuldenproblem gibt, dann seitens der Finanzbranche.
Die straffere Regulierung hat die Dynamik vor allem der Unternehmensfi-
nanzierung von den Banken zu weniger regulierten und vielfach undurch-
sichtigen „asset management companies“ und „private equity firms“ ver-
schoben, was die Qualität der Anleihen erheblich reduziert hat.31 Aber
auch die traditionellen Banken sind in der gegenwärtigen Phase der Über-
liquidität – wie vor der Finanzkrise – allzu sehr bereit, hochverschuldete
Schwellenländern und vor allem Firmen in diesen Ländern zu finanzieren.
Natürlich stellt sich die Frage, ob der gegenwärtige Sparüberschuss
auch weiterhin anhalten wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist relativ groß.
Für anhaltend hohe Spartätigkeit der Haushalte sprechen der Wohlstand,
die ungleiche Einkommensverteilung und die wohl anhaltende Unsicher-
heit.32 Das zunehmende Alter der Bevölkerung wirkt dem nicht entgegen,
da – anders als in der Lebenszyklusthese33 – in der Vergangenheit keine
Auflösung der Ersparnisse im Alter beobachtet werden konnte.34 Zugleich
dürfte der Gewinn für die Finanzierung der Unternehmensinvestitionen auf
absehbare Zeit ausreichen: Bei prognostizierten Wachstumsraten um die
81
45. Jahrgang (2019), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.