Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2019 Heft 1 (1)

Diese ist an zusammenhängende Funktionsbedingungen gebunden. Im
Kreditvergabeprozess der Geschäftsbanken muss die Auswahl der Kredit-
nehmer nach Bonitätskriterien erfolgen, die im Kreditportfolio die zyklisch
schwankende Ausfallshäufigkeit der Kreditforderungen auf eine Bandbrei-
te beschränkt, die in den stochastisch kalkulierten Risikokosten (Stan-
dardrisikokosten, neusprachlich: „expected loss“) der Zinsberechnung
Deckung findet. Dadurch kann der erwartete Aufwand aus Kreditausfällen
(periodische Wertberichtigungen) im Nettozinsergebnis verdient (gedeckt)
werden. Die laufenden Gewinne der Geschäftsbanken aus den Zinsspan-
nen- und Dienstleistungserträgen nach Vollkosten (Liquiditäts-, Risiko-
und Verwaltungskosten) sollten somit im Minimum eine ausreichende
Rendite für den Kapitalbedarf erwirtschaften, den die regulatorische Kapi-
talunterlegung für die „unerwarteten Ausfallsereignisse“ (neusprachlich:
„unexpected loss“) über den Kapitalmarkt erfordert. Dadurch soll sicherge-
stellt werden, dass die Iteration von Giralgeldschöpfung (Kreditvergabe)
und Giralgeldvernichtung (Kredittilgung) in der Gesamtheit des Geschäfts-
bankenapparats auf einen Kreis von KreditnehmerInnen angewendet
wird, der gleichermaßen kreditwürdig wie schuldendienstfähig ist, sodass
die zirkulierende Geldmenge als Nettonachfragegröße für Zahlungsmittel
nicht wesentlich vom Pfad der realwirtschaftlichen Wertschöpfungsent-
wicklung abweicht.
Man geht davon aus, dass durch diesen bonitätsorientierten Zirkula-
tionsmechanismus nur zu stückkosteninduzierten Güter- und Dienstleis-
tungspreisen „gedecktes“ Geld in Umlauf gebracht wird. Die Zentralbank
offeriert daher das Funding von Reserven für den Zahlungsausgleich im
Zahlungsverkehrssystem (Überweisungs- und Barzahlungsverkehr) gros-
so modo nur dann und zumeist gegen ausgewählte Sicherheiten zumeist
in Form von Wertpapierpensionsgeschäften („Repos“), wenn die ökonomi-
sche Kapitalsteuerung der Geschäftsbanken den regulatorischen Kapita-
lanforderungen entspricht. Und die Geschäftsbanken sind unter diesen
Voraussetzungen immer in der Lage, über genügend Zentralbank- und
Barreserven (letztere durch Abruf von Zentralbankguthaben in Form von
Banknoten) zu verfügen, um den Zahlungsausgleich aus dem Überwei-
sungsverkehr (Settlement der Clearingsalden) durch Reserveübertragun-
gen an die Inhaber der Forderungssalden und aus der Barauszahlung von
Girokontoguthaben der Bankkunden zu ermöglichen. Dadurch erst verfes-
tigt sich das Vertrauen in die Zahlungsmitteleignung des privaten Giralgel-
des der Geschäftsbanken.
Die Schwäche dieses Regulierungskonzepts (nach Basel I-III) besteht
ganz offensichtlich darin, dass es das reale Phänomen der fundamentalen
Unsicherheit ignoriert. Es werden die unerwarteten Ausfallsereignisse
(„unexpected loss“) als Maßstab für die regulatorische Ausstattung mit Ri-
sikokapital, die realiter einer unkalkulierbaren („fundamentalen“) Unsi-
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Wirtschaft und Gesellschaft 45. Jahrgang (2019), Heft 1
        

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