Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2020 Heft 1 (1)

Umkämpfte Solidaritäten
Rezension von: Carina Altreiter,
Jörg Flecker, Ulrike Papouschek,
Saskja Schindler, Annika Schönauer,
Umkämpfte Solidaritäten – Spaltungs-
linien in der Gegenwartsgesellschaft,
Promedia, Wien 2019, 200 Seiten,
broschiert, A 17,90;
ISBN 978-3-853-71460-7.
Die Entwicklungen des vergangenen
Jahrzehnts wie u. a. die Wirtschafts-
und Finanzkrise und die vielen Men-
schen auf der Flucht im Jahr 2015 ha-
ben zu einer Polarisierung der österrei-
chischen Gesellschaft beigetragen,
was sich in den Wahlkämpfen um die
Präsidentschaft oder den Nationalrat
und insbesondere im massiven Zu-
spruch der rechtspopulistischen Par-
teien zeigt.
Der politische Diskurs der vergange-
nen Jahre ergibt zunächst ein Bild der
Spaltung unserer Gesellschaft. Die
StudienautorInnen aber gehen davon
aus, dass die gesellschaftliche Realität
komplexer ist. Um ein tieferes und bes-
seres Verständnis der Gegenwartsge-
sellschaft zu erlangen, haben sie mit
48 unterschiedlichen Personen aus
ganz Österreich ausführliche Gesprä-
che geführt. Ausgangspunkt war in
theoretischer Hinsicht der Begriff „Soli-
darität“. Sowohl politisch linke Parteien
und Bewegungen als auch rechtspo-
pulistische Parteien appellieren an die
Solidarität, wobei der Begriff ganz un-
terschiedlich verwendet wird. Daher
eignet er sich gut, Spaltungen – vor al-
lem den Zusammenhalt, nämlich das
„Wir“ sowie den Abstand zu „anderen“
– in den Blick zu bekommen sowie Am-
bivalenzen und Widersprüche, etwa
wenn ausgrenzende Haltungen sich
mit solidarischen verbinden, sichtbar
zu machen.
Grundlage für den empirischen Teil
des Buches ist die soziologische Ana-
lyse von 70 Stunden Tonbandmaterial,
die Summe der Interviews. Diese indi-
viduellen Fälle werden miteinander
verglichen und ähnliche Solidaritäts-
muster zu Typen zusammengefasst.
Für die Typenbildung sind fünf zentrale
Fragen ausschlaggebend: (1) die Zu-
gehörigkeit zu und die Identifikation mit
einer Gruppe; (2) wer zählt zur eigenen
Solidargemeinschaft, wer nicht; (3)
welche Bedingungen werden an die
Aufnahme in die Solidargemeinschaft
gestellt; (4) von welchen Gerechtig-
keitsprinzipien ist die Person geprägt,
und (5) werden die Personen selbst ak-
tiv, oder sehen sie die Verantwortung
für Solidarität beim Staat?
Die Auswertung der Interviewdaten
haben zu sieben verschiedenen Typen
von Solidarität geführt, wobei die Stu-
dienautorInnen jeden Typus anhand
von wortwörtlichen Zitaten aus den Ge-
sprächen ausführlich darstellen. Um
die LeserInnen in die Lebenswelten
der Befragten so anschaulich wie mög-
lich einzuführen, werden die verschie-
denen Typen jeweils vermittels der Le-
bensgeschichte zweier Personen aus-
führlich dargestellt. Anhand des berufli-
chen Werdegangs, persönlicher Sicht-
weisen auf Politik und Gerechtigkeit,
aber auch den Sorgen und Anliegen
charakterisieren diese Portraits den je-
weiligen Typus und lassen bestimmte
Vorstellungen und Konzeptionen von
Solidarität hervortreten.
Anhand der Fallgeschichten und der
verdichteten Darstellung der gefunde-
nen Solidaritätsmuster machen die Au-
torInnen die Sichtweisen und damit
verbundenen Anliegen der Befragten
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Wirtschaft und Gesellschaft 46. Jahrgang (2020), Heft 1
        

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