Full text: Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen

Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen  
 
- 4 -  
1 Veränderte Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt 
Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, mit starken Wirkungen auf 
die Arbeitsbedingungen. Die Zunahme der Beschäftigung im Dienstleistungssektor, mehr laterale 
Vernetzung und Abbau von vertikalen Hierarchien, mehr Eigenverantwortung bei gleichzeitiger 
Zunahme von Teamarbeit, Zunahme von alternativen Beschäftigungs- und Entlohnungsformen,  
verstärkte Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien, neue Management-Formen 
wie Just-in-time-Lieferungen und schlanke Organisationen mit einem hohen Maß an Flexibilität haben 
einen Einfluss auf die Arbeitsintensität und sind oft mit steigendem Stress und damit psychischer 
Belastung verbunden (vgl. Cox/Rial-González 2002: 5; WHO 2006: 57). Laut Heike Jacobsen kann die 
Tertiarisierung per se als Ausdruck von gesellschaftlichen und technischen Innovationsprozessen 
verstanden werden (vgl. 2010: 222). Arbeit ist nämlich heutzutage stärker als in der 
Industriegesellschaft an den Schnittstellen von Technik und sozialem Kontext angesiedelt. Auch ist der 
Strukturwandel in Richtung wissensintensiver Dienstleistungsberufe oft mit einem erhöhten Zeitdruck 
und steigender Verantwortung verbunden sowie mit einer höheren Komplexität der Arbeitsinhalte 
(vgl. Bertelsmann Stiftung/Hans Böckler Stiftung 2002: 6). 
Die zunehmende Flexibilität, die Unternehmen aufbringen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, 
führt zu Outsourcing und neuen Formen der flexiblen Arbeitsarrangements wie Teilzeitarbeit, 
Gelegenheitsarbeit, Telearbeit oder Arbeit auf Abruf. Derartige Arbeitsformen sind einerseits oft 
verbunden mit unsicheren Arbeitsverhältnissen, da sie häufig nur geringe Einkommen, geringe 
Sozialsicherung, befristete Dienstverhältnisse oder geringen Kontrollspielraum mit sich bringen. 
Andererseits aber sind sie oft auch durch erhöhten arbeitsbedingten Stress gekennzeichnet. In Summe 
führen diese Merkmale zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen (vgl. EU-OSHA 2007: 92). 
Auch die Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung ändert sich, nicht nur was die berufliche Vielfalt 
anbelangt sondern auch die Zusammensetzung nach Alter, Geschlecht und Herkunft betreffend 
(Abbildung 1.1). Der Anteil der Frauen, die in Teilzeit beschäftigt sind, steigt, ebenso jener der 
MigrantInnen und der älteren ArbeitnehmerInnen. Daraus ist ein merklicher gesellschaftlicher Wandel 
ersichtlich, nicht nur was die Rollen von Mann und Frau betrifft. Auch Abhängigkeiten zwischen den 
Generationen sowie zwischen In- und AusländerInnen sind im Wandel begriffen. Infolge einer 
deutlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität übertrifft der Anstieg des realen Wirtschaftswachstums 
den Beschäftigungsanstieg. 
Die Zusammensetzung der Beschäftigung nach Wirtschaftssektoren hat sich seit 1995 ebenfalls 
drastisch verändert (Abbildung 1.2). Während 1995 noch 31,1 % im sekundären Sektor tätig waren, 
belief sich dieser Anteil im Jahr 2010 nur mehr auf 26,0 %. Dementsprechend stieg der Anteil der 
Personen im tertiären Sektor von 67,9 % auf 73,1 % (Tertiarisierung). Der Anteil der Personen im 
primären Sektor blieb in dieser Periode etwa gleich hoch. Die zunehmende Bedeutung des tertiären 
Sektors hat wesentliche Auswirkungen auf die Prävalenz von psychischen, insbesondere auch 
psychosozialen Arbeitsbelastungen, denn Dienstleistungsberufe sind häufig aufgrund von vielen 
persönlichen Kontakten (KundInnen- bzw. PatientInnen-Kontakt) von Stress betroffen.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.