Full text: Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen

Psychische Belastungen der Arbeit und ihre Folgen  
 
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Verausgabungsneigung wird oft auch dann aufrechterhalten, wenn die erwartete Gratifikation nicht 
eintrifft. Häufig steht eine hohe berufliche Verausgabungsneigung in Zusammenhang mit einer 
Unfähigkeit, die Kosten/Nutzen-Verhältnisse im Beruf realistisch einzuschätzen, wodurch die 
Anforderungen unterschätzt und die persönlichen Bewältigungskompetenzen überschätzt werden. 
Berufliche Verausgabungsneigung wird vor allem in frühen Phasen der Karriere als belohnend und 
erfolgreich erlebt. Langfristig besteht allerdings das Risiko vorzeitiger ausgeprägter 
Erschöpfungszustände (vgl. Siegrist 2004: 15f; Siegrist/Dragano 2008: 308; Siegrist/Theorell 2008: 
103f). 
Abbildung 2.3: Modell der beruflichen Gratifikationskrise nach Siegrist 
hohe 
Veraus-
gabung
niedrige 
Belohnung
Extrinsische (situative) Komponente: 
hohe Anforderungen und 
Verpflichtungen
Intrinsische Komponente:
kritische Bewältigungskompetenz
geringe Entlohnung
geringe Wertschätzung und Anerkennung
geringe Aufstiegsmöglichkeiten/fehlende 
ArbeitsplatzsicherheitGratifikationskrise (Distress) durch 
Verletzung der Reziprozität:
- fehlende Arbeitsplatzalternative
- strategisches Verhalten
- psychische Disposition: übersteigerte 
Verausgabungsbereitschaft
 
Q: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Kaba 2007: 224; Siegrist 2004: 15. 
Die Abbildung 2.3 zeigt eine schematische Darstellung des Modells beruflicher Gratifikationskrisen und 
verdeutlicht, dass das Ausmaß von Verausgabung und Belohnungserwartung am Arbeitsplatz nicht 
allein von situativen Faktoren (extrinsische Komponente), sondern ebenso von psychischen 
Dispositionen (intrinsische Komponente) beeinflusst wird (vgl. Dragano et.al. 2003: 197). Die 
intrinsische Komponente, also die persönliche Bewältigungskompetenz, hat innerhalb des Modells 
zwei Funktionen: (1) Einerseits hat sie, ebenso wie die extrinsische Komponente, einen direkten 
gesundheitlichen Einfluss, (2) andererseits kommt ihr eine moderierende Funktion hinsichtlich des 
Einflusses auf den Gesundheitszustand, der von der situativen Komponente ausgeht, zu. Wenn also 
eine Person einer situativ bedingten Gratifikationskrise ausgesetzt ist und zudem eine übersteigerte 
Leistungsbereitschaft aufweist, so sind nachhaltige negative Gesundheitsfolgen zu erwarten (vgl. Puls 
2002: 390). 
Um die Frage nach der Entstehung übersteigerter Leistungsbereitschaft nachzugehen, ist Axel 
Honneths Arbeit „Kampf um Anerkennung“ (1998) zu diskutieren. Laut Honneth kann Arbeit zur 
Ermöglichung eines positiven Identitätsbildungsprozesses beitragen, da sie die Chance auf 
Anerkennung beinhaltet. Auch Honneth erkennt an, dass Leistung nicht nur in Form von (monetärer) 
Entlohnung anerkannt, sondern in einen sozialen Kontext - nämlich einen gesellschaftlichen 
Leistungsaustausch - eingebunden werden muss. Es kann zu einem „anerkennungstheoretischen 
Dilemma“ (Kropf 2004: 341) kommen, wenn aus zunehmender Flexibilisierung resultierende hohe 
Arbeitsplatzbelastungen nicht abgewehrt werden können, sondern vom Arbeitgeber belohnt und
        

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