Full text: Verteilen statt verspielen

25 Engelbert Stockhammer Verteilungsungleichheit als Ursache der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise1 Einleitung Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist die stärkste seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre bzw. dem durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Einbruch. Als Ursa- chen der Krise werden zumeist Entwicklungen im Finanzsektor angeführt: » die Deregulierung des Finanzsystems, die u. a. das originate-and-distribute-Banken- modell (Kredite werden vergeben und „weiterverkauft“) ermöglichte; die Entwick- lung neuer Finanzinstrumente wie der mortgage backed securities (MBS), collatera- lized debt obligations (CDO) und credit default swaps (CDS); Gehaltsschemata für Manager, die Anreize gaben, erhöhte Risiken einzugehen; » die zu expansive Geldpolitik der Fed2 nach dem Börsenkrach 2000; die Basel II- Regulierung, die de facto einen Anreiz schuf, Kredite weiterzuverkaufen bzw. mit CDS zu „versichern“; » internationale Außenhandelsungleichgewichte und die zugehörigen Kapitalflüsse (manchmal „savings glut“ genannt). Zu diesen Punkten gibt es eine umfangreiche Diskussion und eine reichhaltige Lite- ratur. Eine der dramatischen sozioökonomischen Veränderungen seit 1980 erhält jedoch vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit als potenzielle Krisenursache: die Polarisierung der Einkommensverteilung.3 Dieser Aspekt soll in diesem Beitrag näher untersucht wer- den. Unsere These ist, dass die Krise als Produkt der Interaktion von Deregulierung am Finanzsektor mit der Polarisierung der Einkommensverteilung zu sehen ist. Seit den frühen 1980er-Jahren hat sich der Neoliberalismus als wirtschaftspolitisches Paradigma durchgesetzt. Dieser beinhaltete eine Änderung der wirtschaftspolitischen Ausrichtung, insbesondere eine Deregulierung des Finanzsektors und eine Reihe sozial- und steuerpo- litischer Maßnahmen, die zu einer Polarisierung der Einkommensverteilung führten. Aus makroökonomischer Perspektive haben sich zwei Wachstumsmodelle herausgebil- det: ein kreditgetriebenes und ein exportgetriebenes. Die USA und Großbritannien sind Paradebeispiele für Ersteres, Deutschland und China für Zweiteres. Der potenzielle Nachfragemangel durch die Polarisierung der Einkommensverteilung wurde in der kre- ditgetriebenen Gruppe durch kreditfinanziertes Konsumwachstum und in der zweiten 1 Eine ausführlichere Version des Artikels ist in Wirtschaft und Gesellschaft 37/3 erschienen. 2 Abkürzung für Federal Reserve System. Zentralbank-System der Vereinigten Staaten, das allgemein auch US-Notenbank genannt wird. 3 Stiglitz und Fitoussi (2009), Stockhammer (2009a, 2009b), Horn und van Treeck (2011).

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