Full text: Volkswirtschaftliche Effekte der Liberalisierung des Eisenbahnpersonenverkehrs in Österreich (50)

Zusammenfassung 
Verkehr und Infrastruktur 5 
dazu, dass eine Fahrt in einzelnen Zügen zu bestimmten Zeiten tatsächlich günstiger wird. Einer 
verschwindend geringen Zahl an davon profitierenden Reisenden steht allerdings der Großteil der 
täglichen BahnkundInnen aus Peripherieregionen gegenüber: Sie leiden besonders in dünn 
besiedelten Regionen und zu Zeiten geringerer Auslastung. 
Eine europaweit durchgeführte Studie des europäischen Eisenbahndachverbandes CER aus dem 
Jahr 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass die vertikale Trennung von Infrastrukturbetreibern und 
Verkehrsdienstleistern in der Europäischen Union (EU) zu Mehrkosten zwischen 5,8 und 14,5 Mrd. 
Euro jährlich führen könnte – abhängig von der Zunahme der Verkehrsleistung in Europa. Für 
Österreich analog geschätzt würden bei einer derartigen Trennung jährliche Mehrkosten zwischen 
420 Mio. Euro bei gleichbleibender Verkehrsleistung und bis zu einer Milliarde Euro bei einer 
Steigerung der aktuellen Verkehrsleistung um 50 Prozent entstehen. 
Die internationalen Erfahrungen mit Ausschreibungswettbewerben zeigen weiters, dass es nur bei 
der ersten Ausschreibungswelle zu Einsparungen kommt (Billigbieterprinzip). Langfristig steigen die 
Preise wegen der Marktbereinigung und der damit verbundenen Oligopolisierung wieder. Zusätzlich 
fehlt durch den Ausschreibungswettbewerb auch die Flexibilität bei Veränderungen. Was vertraglich 
nicht vereinbart war, muss nachverhandelt werden (z.B. Zusatzbestellungen aufgrund höherer 
Fahrgastzahlen) und wird unverhältnismäßig teuer. Da Nachverhandlungen meistens günstiger sind 
als Neuausschreibungen, entsteht durch den Ausschreibungswettbewerb für Unternehmen ein 
Anreiz mittels aggressiver Preisstrategie möglichst viele Ausschreibungen für sich zu entscheiden 
und gezielt auf Nachverhandlungen während der Vertragslaufzeit zu spekulieren. 
Effekte für die Beschäftigten 
Gemäß der Devise “der Billigste bekommt den Zuschlag” realisiert sich der Wettbewerb weitgehend 
zu Lasten der Qualität der erbrachten Leistungen sowie zu Lasten der Lohn- und Sozialstandards 
für die Beschäftigten der Verkehrsunternehmen. 
In Deutschland und Großbritannien versuchten sich private Verkehrsunternehmen mit Lohn-
Dumping Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren öffentlichen Konkurrenten zu verschaffen. Dies 
wurde erreicht, indem sie sich weigerten kollektivvertragliche Regelungen einzuhalten oder eigene 
Kollektivverträge anzuwenden. 
Im Leistungsbereich des österreichischen Schienenpersonenverkehrs sind rund 10.000 Personen 
beschäftigt. Würden deren Löhne und Gehälter um zehn Prozent reduziert, würde sich auch die 
österreichische Bruttowertschöpfung um immerhin fast sieben Mio. Euro verringern, was die 
Existenz von 120 Arbeitsplätzen in der Volkswirtschaft dauerhaft gefährden würde. 
2.3 Volkswirtschaftliche Effekte der Liberalisierung auf der 
Leistungsseite 
Effekte auf die Qualität 
In der Bewerbung des vierten Eisenbahnpakets beruft sich die EK auf eine aktuelle Eurobarometer-
Umfrage, laut der nur 46 Prozent der europäischen BahnkundInnen mit dem nationalen und 
regionalen Bahnverkehr zufrieden sind. Die EK argumentiert, dass die Attraktivität des 
Eisenbahnsektors durch eine Liberalisierung stiege, da es zu einer Erhöhung der Fahrgastkapazität 
und einer Verbesserung der Servicequalität käme.
        

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