Full text: Studie Staatsbürgerschaft

18 Mehrfachstaatsangehörigkeit bei der Einbürgerung ausschließen, würden die Realität eines transnationalen Berufs- und Privatlebens ignorieren und die volle Teilhabe an der Gesellschaft vom Abbrechen der Bezüge zum Herkunftsland abhängig machen. Dies widerspreche der Migrationsrealität, die vom Aufrechterhalten der Bezüge zum Herkunftsland geprägt sei. Mit einer Rückgabe der ehemaligen Staatsbürgerschaft würde das Aufrechterhalten transnationaler Bezüge erschwert, da die MigrantInnen nun als AusländerInnen im Herkunftsland den dortigen ausländerrechtlichen Beschränkungen unterliegen würden. Die tatsächliche Bedeutung transnationaler Bezüge für die verschiedenen Gruppen von EinwanderInnen ist empirisch noch wenig erforscht. Zudem hängt es von den Regelungen der jeweiligen Herkunftsstaaten ab, ob die Aufgabe der Staatsangehörigkeit ein Hindernis bei der Aufrechterhaltung transnationaler Bezüge ist. Eine wachsende Zahl von Ländern mit großen EmigrantInnenpopulationen haben inzwischen einen Rechtsstatus einer Art „Quasi-Staatsbürgerschaft“ entwickelt, die ehemaligen Staatsangehörigen staatsbürgerschaftsähnliche Rechte, meist mit Ausnahme des Wahlrechts, sichert. Dies ändert jedoch nichts am Kern des Arguments – in einer von wachsender internationaler Verflechtung geprägten Welt kann die Idee der exklusiven Zugehörigkeit zu einem Staat das gleichzeitige Leben an mehreren Wohnsitzen in unterschiedlichen Ländern massiv erschweren. Mit diesem Argument eng verwandt ist ? Das Mobilitätsargument: Nur die Staatsbürgerschaft sichere die ungehinderte Einreise ohne jegliche Visa- oder sonstige Beschränkungen. Das Verbot der Mehrfachstaatsangehörigkeit behindere die Mobilität von MigrantInnen und wirkt sich insbesondere schädlich auf den „triple win claim“ aus, dem von der UNO und den internationalen Organisationen hochgehaltenem Anspruch, Migration solle den MigrantInnen, dem Zielland und dem Herkunftsland gleichermaßen nutzen. Mit der Behinderung der Mobilität von MigrantInnen behinderten Zielländer die Entwicklung des Herkunftslands bzw. der Herkunftsregion. ? Das Identitätsargument: Die Staatsangehörigkeit sei für viele Menschen ein Teil ihrer personalen Identität. Die Verpflichtung, die ehemalige Staatsbürgerschaft bei Einbürgerung aufzugeben, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu gelten und volle politische Rechte zu genießen, zwinge MigrantInnen zu einschneidenden persönlichen Entscheidungen, die sie von der Einbürgerung abhalten können. Damit würde ein zu hoher Preis für die politische Teilhabe und Anerkennung verlangt. Akzeptiert man das Identitätsargument, so muss es allerdings auch für die bereits ansässigen StaatsbürgerInnen gelten – auch diese sehen in der Regel ihre Staatsbürgerschaft als wesentlichen Teil ihrer individuellen Identität an und wehren sich aus diesem Verständnis oft gegen eine erleichterte Einbürgerung von MigrantInnen, da sie in ihnen eine Bedrohung ihrer Identität sehen. Dies zeigt ein grundsätzliches Problem von Identitätsargumenten: Identitätsargumente beziehen sich auf die Privatperson, sind also im vorpolitischen Raum angesiedelt. Sie folgen meist der Logik eines Nullsummenspiels: Der Gewinn des Einen ist der Verlust des Anderen. Identitätsargumente lassen keinen Abtausch von Interessen zu und führen schnell zu

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