Full text: Wirtschaftspolitik - Standpunkte 2013 Heft 3 (3)

Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 03 | 2013. seite 3 von 23 
blick auf die privaten Haushalte bedenklich. 
Erinnert eine solche Situation doch sehr 
an die Entwicklungen, wie wir sie in Teilen 
Europas und den USA unmittelbar vor der 
Krise gesehen haben. Dabei haben die der 
AKP nahestehenden Scharia Banken seit 
Beginn der Regierung Erdogan den Umfang 
der Konsumkredite in einem weit stärke-
ren Maße erhöht als andere Kreditinstitute 
(+53% bzw. +35%). 
Des Weiteren vergrößerte sich das Leis-
tungsbilanzdefizit.  Dies ist hauptsächlich auf 
die steigende Nachfrage nach ausländischen 
Konsumgütern bei gleichzeitiger Abnahme 
von Direktinvestitionen in der Türkei und 
die Zunahme an  Einfuhren von Zwischen-
erzeugnissen zurückführen. 2011 betrugen 
die direkten Investitionen lediglich 15%, 
während die Türkei von Kapitalflüssen als 
Resultat der Wirtschaftskrise im EU Raum 
profitierte. Diese Entwicklung dämpfte sich 
jedoch aufgrund der Schwäche der Türki-
schen Lira wieder ab.
Um das Leistungsbilanzdefizit auszuglei-
chen, müsste der Konsum einheimischer 
Produkte gestärkt werden. Dies erweist 
sich jedoch in vielen Bereichen als proble-
matisch, da die heimische Industrie über 
eine beschränkte Produktpalette verfügt 
und die von der zunehmend urbanen Bevöl-
kerung bevorzugten Güter nicht herstellt, 
wie z.B. High-Tech Geräte. Zudem ist die 
heimische Produktion auf Güter mit gerin-
ger Wertschöpfung wie z.B. Textilien oder 
Möbel sowie Lebensmittel ausgerichtet und 
orientiert sich vor allem am Exportmarkt. 
Andererseits gibt es auch Erfolgsgeschich-
ten wie jene der sogenannten Anatolischen 
Tiger. Die vor allem in der Region um Kayse-
ri ansässigen Möbelproduzenten haben sich 
im Laufe der Jahre zu umfangreichen Indus-
triekonglomeraten entwickelt. Ein Beispiel 
hierfür ist die Boydak Holding, die über 22 
Unternehmen mit mehr als 12.000 Ange-
stellten verfügt und in 70 Länder exportiert. 
Basierend auf einer Haltung, die man als „is-
lamischen Kalvinismus“ bezeichnen könnte, 
haben diese der AKP nahestehenden Unter-
nehmer Zentralanatolien in ein wirtschaft-
liches „Powerhouse“ verwandelt. Dies hat 
auch einen gestiegenen Lebensstandard und 
ein verändertes Konsumverhalten zur Folge, 
welches sich jedoch weitgehend auf auslän-
dische Produkte erstreckt.
Zwar hat sich die Türkei in den letzten 
Jahren  nicht zuletzt aufgrund der „Zero 
Problems“-Politik von Außenminister Da-
vutoglus mit seinen Nachbarstaaten und 
der Entkopplung vom Westen wirtschafts-
politisch zunehmend auf die arabischen 
Länder und die islamischen Staaten Afrikas 
ausgerichtet. Das Exportvolumen in diese 
Staaten wuchs von 15,6% im Jahr 2000 auf 
25,8% im Jahr 2010 an. Davutoglus Außen-
politik, die von ihren Kritikern als neo-os-
manisch charakterisiert wird, kann jedoch 
weitgehend als gescheitert gelten, da sich 
die Türkei nach einer anfänglichen Annäh-
rung an Syrien und den Iran gegen Syriens 
Machthaber Assad gestellt hat. Diese Poli-
tik war wiederum von anderen arabischen 
Ländern kritisch beäugt worden und wirkte 
sich auch auf die Wirtschaftsbeziehungen 
negativ aus. Gleichzeitig haben sich die Be-
ziehungen zu Israel, einem wichtigen Han-
delspartner,  als Folge der Ereignisse auf der 
Mavi Marmaris im Jahr 2010 verschlechtert, 
als neun türkische Aktivisten von israeli-
schen Sicherheitskräften getötet wurden. 
Da die Türkei kaum eigene Rohstoffe hat 
und nicht über Energievorkommen verfügt, 
ist die Wirtschaft von Einfuhren abhängig. 
Der steigende Energiehunger zusammen 
mit einer zunehmend kompromisslosen 
Außenpolitik bestimmt das Verhalten der 
Türkei gegenüber Israel und Zypern. Die 
Türkei beansprucht die vor Zyperns Küste 
gefundenen Gasvorkommen, da sich jene, 
nach Ankaras Verständnis, auf dem türki-
schen Festlandsockel befinden. Gleichzeitig 
boykottiert Ankara jene, auch in der Tür-
kei bereits engagierten Firmen wie ENI 
oder Total, die vor Zyperns Küste Erdgas 
fördern wollen. Die enge Kooperation zwi-
schen Israel und Zypern bei der Gasförde-
rung, gekoppelt mit einer, wenn auch bislang 
AUSGEWäHLTE MAKROÖKONOMIScHE INDIKATOREN (2005-2011):
VERäNDERUNG VON IMPORT UND ExPORT (JäHRLIcHE VERäNDERUNG IN %)
ein weiterer streitpunkt sind die gasvorkommen vor zyperns küs-
te, die auch die türkei beansprucht, weil sie sich nach ankaras 
Verständnis auf dem türkischen festlandsockel befinden.
        

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