Full text: Neue Stadtentwicklungsgebiete (3)

INTERVIEW 
Leben wie in Lignano
Sind die Menschen, die in 
den neuen Stadtentwick-
lungsgebieten leben, zufrie-
den? Wir haben in jedem 
Stadtteil mit etwa fünfzig Men-
schen gesprochen. Es waren 
sowohl Personen, die dort 
leben, als auch Leute, die dort 
arbeiten oder nur durchgehen. 
Es gibt eine Grundzufrieden-
heit. Die Menschen sind froh, 
dass sie in einem neuen, schö-
nen Stadtteil wohnen. Es gibt 
aber Unterschiede in einzelnen 
Stadtteilen. 
Womit sind die Menschen 
nicht zufrieden? In unseren 
Befragungen ist am häufigs-
ten der Verkehr vorgekommen. 
Wenn es zB Straßen gibt, die 
nur schwer zu überqueren sind, 
wenn geregelte Kreuzungen 
und Ampeln fehlen. Es gibt 
manchmal auch Schwierigkei-
ten mit dem öffentlichen Ver-
kehr, zB wenn Haltestellen weit 
weg sind oder die Frequenz 
gering ist. 
Nur Verkehr? Natürlich gibt 
es in jedem Stadtteil auch 
Einzelne, die sich über lautes 
Spielen beschweren. Andere 
Themen waren der Konsum 
von Alkohol, manchmal auch 
das Rauchen und die dadurch 
verursachte Verschmutzung. 
In seltenen Fällen war das 
Sicherheitsgefühl bei Nacht 
ein Thema. Was natürlich in 
der Kommunikation passiert, 
ist, dass diejenigen, die sich 
nicht zu Wort melden, meist 
zufrieden sind. Diejenigen, die 
etwas stört, versuchen, Gehör 
zu finden. 
Was soll die Stadt aus den 
Untersuchungen lernen? Wir 
haben gesehen, dass es im 
öffentlichen Raum auch darum 
geht, Identität zu schaffen. „Ich 
wohne dort!“, „das ist unser Ort, 
wo wir uns treffen“ ist für die 
Identifikation mit einem Stadt-
teil enorm wichtig. Das ist in 
Aspern aufgrund der Seeanlage 
gut gelungen. Ein Befragter hat 
gemeint: „Ich fühle mich wie in 
Lignano.“ Oder die BewohnerIn-
nen im Sonnwendviertel haben 
ihren Helmut-Zilk-Park. Auf den 
Bombardiergründen ist es offen-
kundig, dass so ein Identifikati-
onsraum fehlt. 
Wie schafft man Identifika-
tionsräume? Bei größeren 
Gebieten muss das schon im 
Vorhinein überlegt sein. Das 
sind Grundsatzentscheidun-
gen. Die Stadt muss dazu auch 
die entsprechenden  Flächen 
kaufen, und es muss in die 
Masterpläne und über die Flä-
chenwidmung Eingang in die 
städtische Planung finden. 
Der See in Aspern wurde auch 
rechtzeitig angelegt. 
Was ist noch wichtig? Die 
Stadt soll auch ein Raum sein, 
wo ich mich bewege, selbst-
ständige Mobilität für alle Alters-
gruppen ist sehr wichtig. Die 
Leute gehen joggen, sie wol-
len Rad fahren, sie wollen sich 
bewegen. Man soll sich eine 
Stadt lustvoll aneignen können.
AK Stadt · Seite 11 wien.arbeiterkammer.at/meinestadt
Die Landschaftsökologin und -gestalterin Heide Studer 
hat mit vielen Menschen aus den neuen Stadtvierteln 
gesprochen. Jetzt spricht sie.
tet werden, auch weil öffentliche Budgets 
knapper sind oder anders verteilt werden. 
In Vereinbarungen und Verträgen ist des-
halb eine dauerhafte öffentliche Nutzung 
festzuhalten, die neben baulichen und tech-
nischen Qualitäten soziale, ökologische und 
freiraumgestalterische Kriterien berücksich-
tigt. Eine Konzentration auf die Interessen 
der Öffentlichkeit bedeutet vor allem einen 
Gewinn für MieterInnen und Bewohne-
rInnen, aber auch für die in den Gebieten 
arbeitenden Menschen. Es braucht jeden-
falls beides: die öffentliche Hand und die 
Privaten, es braucht wohnungsbezogene 
Frei- und Grünflächen wie stadtteilbezo-
gene Infrastruktur.
Kooperation einzelner Projekten
Stadtentwicklungsprojekte sind keine Insel-
lösungen. Eine qualitätsvolle Verzahnung 
mit der Umgebung dient dem gegenseitigen 
Nutzen. Für die Entwicklung lebenswerter, 
attraktiver Stadtteile ist die Kooperation 
zwischen den einzelnen Projekten sowie ein 
zielgerichtetes Management, das die Ent-
wicklung begleitet und die gemeinsamen 
Ziele unterstützt, nötig. 
Öffentlicher Raum ist wertvoll, Doppelglei-
sigkeiten müssen in Zukunft verhindert und 
Mehrfachnutzungen, wo immer sie mög-
lich sind, unterstützt werden. Einheitliche 
Planungszielvorstellungen und Mindest-
standards für die Ausgestaltung des öffent-
lichen Raums sind die Basis dafür. Aber 
auch professionelles Management und 
institutionelle Unterstützung sollten einen 
wichtigen Beitrag zur Stadtentwicklung 
leisten. Ziel der Wiener Stadtentwicklung 
sollte es sein, einen allgemeinen Standard 
festzulegen, der künftig die Grundlage für 
eine berechenbare Qualität sicherstellt.  
DI.in Heide Studer,  Landschafts ökologie und 
-gestaltung, Teilhaberin tilia technisches büro für 
landschaftsplanung und -gestaltung; Co-Autorin der 
AK Studie „Öffentliche Räume in Stadtentwicklungs-
gebieten“
Um sozial nachhaltig zu bauen, muss es  
auch   konsumfreien Raum für alle geben
        

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