Full text: Neue Stadtentwicklungsgebiete (3)

wien.arbeiterkammer.at/meinestadt AK Stadt · Seite 4
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Darf ich Badewaschel 
sagen? Also mich stört es 
nicht, ich bin in Wien aufge-
wachsen, und da heißt das 
einfach so. Ich verwende 
den Namen selber auch. Es 
ist ein Mythos, dass man das 
nicht sagen darf, das stimmt 
überhaupt nicht, mir ist das 
wurscht. Es kommt natür-
lich darauf an, wie man das 
sagt. Es gibt KollegInnen, 
die wollen das nicht, weil 
sie meinen, das untergräbt 
ihre Autorität. Ich persön-
lich finde, dass ich wegen 
der Bezeichnung nicht mehr 
oder weniger Respekt bei 
den Badegästen habe.
Wie bist du zu den Wiener 
Bädern gekommen? Ich bin 
eigentlich gelernter Apothe-
kenlaborant und war im AKH 
[Allgemeinen Krankenhaus] 
pragmatisiert. An einem Tag 
der Woche musste ich radio-
aktive Stoffe übernehmen, 
sonst musste ich die meiste 
Zeit im stillen Kämmerlein 
Schreibarbeiten erledigen. 
Das war mir zu langwei-
lig. Ich wollte hinaus an die 
 frische Luft und mit Men-
schen zu tun haben. 
Wie schaut der Arbeits-
alltag aus? Jede/r von uns 
arbeitet fünf Tage die Woche. 
Manchmal – wenn bis zu 
20.000, 25.000 BesucherIn-
nen kommen – sind wir von 
7 bis 20 Uhr anwesend. Das 
kann schon anstrengend 
werden. Die Belastung durch 
die Sonne ist nicht zu unter-
schätzen, und der Lärmpe-
gel ist auch sehr hoch. Es 
arbeiten zirka 70 Menschen 
hier, davon 25 in der Bade-
aufsicht. Das gesamte Team 
muss auch bei den Instand-
haltearbeiten mithelfen. 
Bevor du gekommen bist, 
habe ich beim Biotop den 
Rasen gemäht. Wir haben 
hier 330.000 Quadratmeter, 
da fällt schon einiges an. 
Die Saison endet am 17. 
September, was passiert 
dann? Wenn Badeschluss 
ist, bleiben wir noch bis 
Ende September, manche 
bis Ende Oktober. Acht bis 
neun Personen sind auch 
über den Winter anwesend. 
Das gesamte Bad wird von 
uns aufgeräumt. Es wird 
alles winterfest gemacht 
– zB Bänke und Pritschen 
wegräumen, Leitungen aus-
leeren und Pumpen abmon-
tieren, die anschließend 
gewartet werden.
Und fährst du dann in die 
Karibik? Das ist die Vor-
stellung der meisten: Im 
Sommer lassen wir uns die 
Sonne auf den Bauch schei-
nen, und im Winter fahren wir 
auf die andere Seite der Welt 
und tun das wieder. Das ist 
aber nicht so. Das kann sich 
die Mehrheit der Bademeis-
ter nicht leisten, nur wenige 
fahren auf Urlaub. 
Warum? Wir sind Saison-
arbeiterInnen, die meisten 
gehen im Winter stempeln 
[melden sich arbeitslos]. Im 
Jänner kommt die Wieder-
einstellungsbestätigung, und 
ab März geht’s dann wieder 
los. Obwohl es zu dieser 
Jahreszeit meistens noch 
recht eisig ist, müssen wir 
ins Wasser, um Bojen auf-
zubauen. Wir tragen zwar 
Fischerhosen, der Druck des 
Wassers und die Kälte sind 
dennoch sehr ermüdend. 
Nach einigen Stunden Arbeit 
tun dir die Füße weh.
Wie kommst du im  Winter 
über die Runden? Man 
muss sich im Sommer 
etwas zusammensparen, 
damit man durch den Winter 
kommt – mit Überstunden 
geht das. Ich bin seit 32 Jah-
ren Badewaschel und habe 
keinen Tag bereut.
Interview
WAS MACHT EIN BADEWASCHEL IM WINTER?
„Im Sommer in der Sonne braten und im Winter ab in die Karibik“ ist das gän-
gige Klischee über die BademeisterInnen. Erich Gsellmann (55) arbeitet im 
Wiener Gänsehäufel und erklärt, wie die Jahreszeiten sein Leben bestimmen.
„ Ich bin seit 32 Jahren 
Badewaschel und habe 
keinen Tag bereut.“
„Du kannst auch 
Badewaschel zu mir 
sagen. So nennt man 
das in Wien.“ 
Erich Gsellmann wollte mehr frische Luft und fand sie im Gänsehäufel
        

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