Full text: Wien neu (18)

WIEN NEU 
126  ARBEITERKAMMER WIEN 
5. THESEN ZUR STELLUNG UND ENTWICKLUNG 
DER BEZIRKE 
 
1. Dezentralisierung: Bestandspflege und Stadtentwicklung 
Der Beginn der Dezentralisierung erfolgte in einer Phase der stagnierenden Stadtentwicklung nach 
Bewältigung der Wiederaufbau– und Sanierungsleistungen, konzeptive Anfänge reichen zurück bis 
in die1970er Jahre. Dabei standen nicht vorrangig Budgetüberlegungen im Vordergrund („das Geld 
war nicht wichtig“, Zitat eines Mitwirkenden dieser Zeit), sondern die politische Stärkung der Bezirke 
gegenüber einer mächtigen und zur Erstarrung neigenden Zentralbürokratie. Die angedachten Auf-
gaben betrafen vorrangig die Bestandspflege mit dem Ziel, die aus der Vergangenheit bereits be-
kannten Erhaltungsmaßnahmen dezentraler und damit besser auf die kleinräumigen Gegebenheiten 
abzustimmen.  
Die Entwicklungs-, Investitions- und Erschließungsmaßnahmen, die jetzt in einer Phase der dynami-
schen Stadtentwicklung notwendig geworden sind, waren nicht Gegenstand der Dezentralisierungs-
überlegungen. Angesichts dieser neuen Herausforderungen wird es ratsam sein – wie in anderen 
europäischen Städten durchaus üblich – eine deutlichere Unterscheidung zwischen gesamtstädti-
schen Interessen und Bezirksinteressen zu treffen und die Entscheidungsstrukturen und das Ver-
waltungshandeln entsprechend anzupassen.  
 
2. Ungleiche politische Repräsentanz 
Die Bestandsverwaltung und –pflege als Fokus der Bezirkskompetenzen wird durch die ungleiche 
politische Repräsentanz auf Bezirksebene unterstützt. Diese gewichtet die kleinen Innenstadtbezirke 
relativ hoch gegenüber den bevölkerungsreichen Flächenbezirken im Außenbereich.  
Gemessen am Verhältnis Einwohner/in je Mandatar/in gibt es eine sogar im internationalen Ver-
gleich beachtliche Bandbreite. In der Inneren Stadt kommen auf eine/n Bezirksrat/rätin 408 Einwoh-
ner/innen, in Favoriten sind es 3.162 (Stand 2015). Würde das Verhältnis von Favoriten für ganz 
Wien gelten, wären statt 1.144 Bezirksräten/innen nur 568 Mandatare/innen für alle Wiener Bezirke 
erforderlich.  
Aus unserer Sicht wäre jedoch nicht die absolute Zahl, sondern vorrangig die Verteilungsfrage zu 
thematisieren - diese Sicht wird auch von einigen Vertreter/innen aus den Bezirken geteilt. Bei glei-
cher Gesamtzahl wären demnach die bevölkerungsreichen Flächenbezirke mit großen Herausforde-
rungen in Zusammenhang mit Stadtentwicklungs- und Wohnbauvorhaben, der sozialen Entwicklung 
und entsprechend großen Kommunikationsherausforderungen mit der bereits ansässigen Bezirks-
bevölkerung zu Lasten der Innenbezirke zu stärken.  
 
3. Themensetzung der Stadtentwicklung versus sozialräumliche Disparitäten in der Ge-
samtstadt 
Die Ungleichgewichte in der politischen Repräsentanz überlagern sich mit den unterschiedlichen 
sozialen Strukturen aber auch hinsichtlich Wohnbevölkerung und Arbeitsbevölkerung innerhalb der 
Stadt und es stellt sich die Frage, inwieweit sich dies auch auf das „Themen-Setting“ in Bezug auf 
Fragen der städtischen Entwicklung auswirkt.
        

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