Full text: 40 Jahre 40-Stunden-Woche in Österreich. Und jetzt? (18)

8Gesetze und Kollektivverträge. Deren Entwicklung weist sowohl im Hinblick auf den jeweiligen Fokus als auch hinsichtlich der Motive und Begründungen Unterschiede auf. Die Einführung der 40-Stunden-Woche ist eingebettet in die mehr als 80-jährige Entwicklung der Arbeitszeit- politik und bildet – entwicklungsgeschichtlich betrachtet – zugleich die erste und bisher letzte gesetzliche Regelung der Wochenarbeitszeit. Das Thema der Wochenarbeitszeit stand nicht erst in den 1960er-Jahren, sondern schon im Kontext der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre auf der Agenda gesellschafts- und sozialpolitischer Forderungen. Die diesbe- züglichen Vorstöße waren allerdings erst Ende der 1960er-Jahre von Erfolg gekrönt. Im Folgenden wird erstens der Entwicklungsprozess der Arbeitszeitpolitik mit seinen verschie- denen Schwerpunkten skizziert und zweitens die Einführung der 40-Stunden-Woche näher betrachtet. Den Abschluss bildet ein kurzer Blick auf die jüngere Entwicklung. 1 ZUR ENTWICKLUNG DER ARBEITSZEITPOLITIK 1.1 Einführung der Maximalarbeitszeit Erste Ansätze einer Regulierung der Erwerbsarbeit bezogen sich in Österreich auf die Kinder- arbeit und damit verbundene hygienische, gesundheitliche und moralische Missstände. Maß- nahmen wie die Trennung arbeitender Mädchen und Knaben in Schlafsälen und deren Hygie- ne wurden von Kaiser Josef II. im Jahr 1786 verordnet – mit wenig Erfolg. Die Frage des Alters und der Arbeitszeit erwerbstätiger Kinder wurde in den 1840er-Jahren von der Hofkanzlei zum Gegenstand eines Gesetzesentwurfes. Dieser erlangte allerdings aufgrund des Widerstandes der Unternehmer keine Gesetzeskraft. Der Sieg der politischen Reaktion im Jahr 1848 verhin- derte, dass Regelungen in Form einer Arbeitsordnung (z. B. mit Festlegung des 10-Stunden- Tages) umgesetzt wurden. Erst die Gewerbeordnung von 1859 beinhaltete explizite gesetzli- che Regelungen betreffend die Kinderarbeit mit einem Arbeitsverbot unter zehn Jahren und einer maximalen Arbeitszeit von zehn Stunden bis zum Alter von 14 Jahren. Die Realität in den Betrieben wich allerdings davon wesentlich ab. Der Durchbruch gesetzlicher Regulierungen der Arbeitszeit auf einer breiteren Ebene erfolgte in den 1880er-Jahren – in der Konstituierungsphase der österreichischen Sozialpolitik (vgl. Tálos 1982, 41 ff.; Ebert 1975). Neben der Einführung von Organen der Kontrolle der Einhal- tung gesetzlicher Regelungen (Gewerbeinspektion) und ersten Ansätzen sozialer Sicherung (Unfall- und Krankenversicherung) standen auch die Arbeitsbedingungen im Blickpunkt ge- setzgeberischer Aktivitäten. Die Arbeitszeit wurde für Bergarbeiter auf eine 12-Stunden- Schicht begrenzt und mit der Gewerbeordnungsnovelle von 1885 neben dem Kinderarbeits- verbot der 11-stündige Maximalarbeitstag in Fabriken eingeführt. Darüber hinaus beinhaltete diese Novelle eine Beschränkung der Arbeitszeit von Jugendlichen und Frauen sowie die Sonn- und Feiertagsruhe. Auch diesbezüglich klafften Gesetz und Realität häufig auseinander. Ungeachtet dessen: Das Neue an dieser Entwicklung ist, dass der Staat in die bis dahin als staatsfrei verstandenen gesellschaftlichen Verhältnisse intervenierte. LohnarbeiterInnen, Er- wachsene wie Kinder, wurden zum Objekt staatlicher Politik. ArbeiterInnen organisierten sich in Vereinen und in einer eigenen Partei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, blieben aller- dings lange Zeit vom Wahlrecht und damit auch von einer Beteiligung am sozialpolitischen

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