Full text: Wien wächst - öffentlicher Raum (19)

WIEN WÄCHST – ÖFFENTLICHER RAUM 
4         ARBEITERKAMMER WIEN 
verstärktes Investitionsinteresse auf sich. Öffentliche Räume als nutzungsoffene Freiflächen 
müssen zunehmend gegen die Begehrlichkeiten der Immobilienwertung und anderer kom-
merzieller Nutzungen verteidigt werden.  
(2) Im Zuge von Privatisierungsprozessen etwa in städtischen Nutzungsflächen die zu Bahnhö-
fen, Kaufhäusern, Hotels gehören, unterliegen viele öffentlich nutzbare Räume dem Haus-
recht privater Besitzverhältnisse (Selle 2008: 2). Durch die Etablierung einer städtischen 
Eventkultur schreitet zudem die Kommerzialisierung öffentlicher Räume im Kontext von 
Verkaufsmärkten, Fanmeilen und Festivals voran (Betz/Hitzler/Pfadenhauer 2011; Hafer-
burg/Golka/Selter 2009). Damit verbunden ist einerseits die Verringerung bzw. temporäre 
Aufgabe von formal öffentlichen Räumen und andererseits eine funktionale Beschränkung 
der Nutzungsmöglichkeiten, die eine Unbestimmtheit, Flüchtigkeit und Gelassenheit des 
ziellosen Gehens und Verweilens meist ausschließt. Das dezidierte Konsumieren von kom-
merziellen oder kulturellen Angeboten verdrängt dabei die Alltäglichkeit und Zufälligkeit der 
Begegnungen und Interaktionen, die charakteristisch für öffentliche Räume sind. 
(3) Die jeweils praktizierten Ein- und Ausschlüsse bestimmter sozialer Gruppen in öffentlichen 
Räumen haben sich in der Geschichte der Stadtentwicklung verändert und können als 
Spiegel der gesellschaftlichen Ausgrenzung verstanden werden. Sowohl in den Gestal-
tungsentwürfen als auch in den Nutzungsregulierungen von öffentlichen Räumen werden 
dabei die hegemonialen Vorstellungen der dominanten sozialen Gruppen sichtbar. Versteckt 
hinter den Ansprüchen die öffentlichen Räume „für alle“ zu gestalten, setzen sich oft die In-
teressen der Mehrheiten gegen die Anforderungen gesellschaftlicher Minderheiten durch. 
Don Mitchell und Lynn Staeheli beschreiben exemplarisch für die Situation in US-
amerikanischen Großstädten die vielfältigen Strategien, Wohnungslose, BettlerInnen, Dro-
genbenutzerInnen und andere unerwünschte Gruppen von öffentlichen Räumen auszu-
schließen. Sie beobachten dabei eine Tendenz, dass Geschäfts- und Immobilienbesitzer, 
aber auch Stadtverwaltungen ihre oft exkludierenden Hausrechte auf formal öffentliche 
Räume ausdehnen und öffentliche Räume in pseudo-private Einflusszonen verwandelt wer-
den (Mitchell/Staeheli 2006: 152). Auch andere Studien belegen – mit Blick auf sogenannte 
Business Improvement Districts /(BID) – die fortschreitenden Ausgrenzungswirkungen einer 
„Bewirtschaftung städtischer öffentlicher Räume durch marktförmige BID-Regime“ (Töp-
fer/Eick/Sambale 2007: 515). Doch nicht nur die Ausweitung privater Kontrolle, sondern 
auch neue polizeiliche Kontroll- und Überwachungselemente verstärken die Ausgrenzungs-
dynamiken in öffentlichen Räumen. So ermöglichen etwa die Festlegung von „gefährlichen 
Orten“ oder „Gefahrenzonen“ polizeiliche Maßnahmen und Zugriffe, die eine unbeschränkte 
Nutzung öffentlicher Räume drastisch einengen (Wehrheim 2002; Belina/Wehrheim 2011; 
Sutter 2014). Der diskriminierungsfreie und unbeschränkte Zugang zu öffentlichen Räumen 
unterliegt einer permanenten Auseinandersetzung und muss gegen private und staatliche 
Kontrollregime durchgesetzt werden. 
(4) Die Manifestation einer städtischen Öffentlichkeit im öffentlichen Raum konkurriert vermehrt 
mit anderen Repräsentationsstrategien. Verstärkt durch die Standortkonkurrenz zwischen 
den Städten und der Orientierung der Stadtpolitik an unternehmerischen Prinzipien hat sich 
der öffentliche Raum zu einer Projektionsfläche für Identitätsbilder und Imagekampagnen 
entwickelt (Helbrecht 1994; Häußermann/Läpple/Siebel 2008: 276 ff.). Der öffentliche Raum 
verwandelt sich dabei in die „Visitenkarte des Standortmarketings“ (Lewitzky 2005: 24). 
Wenn sich der öffentliche Raum in einen weichen Standortfaktor der Städtekonkurrenz ver-
wandelt, orientieren sich die Gestaltung und gewünschte Nutzung eher an den umworbenen 
Unternehmen und Bevölkerungsgruppen als an den BewohnerInnen der Städte. Der öffent-
liche Raum als Ort der Öffentlichkeit steht damit unmittelbar in Konkurrenz zur unternehme-
rischen Stadtpolitik. 
Während sich der Charakter des öffentlichen Raumes in allen seinen Dimensionen im Gefolge aktu-
eller Stadtentwicklungsprozesse aufzulösen droht, ist der Bedarf an öffentlichen Räumen nach wie
        

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