Full text: Wien wächst - öffentlicher Raum (19)

WIEN WÄCHST – ÖFFENTLICHER RAUM 
ARBEITERKAMMER WIEN          5 
vor sehr groß. In Zeiten steigender Bevölkerungszahlen in den Städten und einer baulichen und 
verkehrlichen Verdichtung hat sich die Ausstattung mit ausreichenden Grün-, Erholungs- und Frei-
zeitflächen und anderen öffentlichen Räumen zu einer zentralen Frage der Stadtpolitik entwickelt. 
Angesichts einer zunehmenden funktionalen +Fragmentierung der Stadtstrukturen und einer umfas-
senden Ökonomisierung städtischer Aktivitäten ist der öffentliche Raum ein wichtiges und notwendi-
ges Gegengewicht. Auch die aktuellen Integrationsherausforderungen in Folge von Migration und 
sozialer Polarisierung in den europäischen Stadtgesellschaften sind auf die Kapazitäten der in-
tersubjektiven Interaktion des öffentlichen Raumes angewiesen. Angesichts der wachsenden 
Schwierigkeiten der Stadtgesellschaft, sich in zunehmend postpolitischen Regierungsformen über-
haupt in Fragen der Stadtentwicklung zu positionieren, ist der öffentlichen Raum als Ort der Öffent-
lichkeit gefragt wie selten zuvor. 
Öffentlicher Raum und soziale Stadt 
Die Funktionen von öffentlichen Räumen für eine soziale Stadt sind offensichtlich. Die vorausset-
zungs- und kostenfreie Versorgung mit möglichst qualitätsvollen Erholungs-, Freizeit- und Aufent-
haltsflächen ist ein wesentlicher Faktor der städtischen Lebensqualität. Öffentlicher Raum kann da-
bei zur Ressource für die Sicherung der materiellen Existenz und die Teilhabe am gesellschaftlichen 
Leben werden. Insbesondere benachteiligte Gruppen sind auf diese Angebote angewiesen. Ange-
sichts der sozialräumlichen Segregationstendenzen in vielen Städten kommt dabei der räumlichen 
Verteilung von öffentlichen Räumen eine besondere Bedeutung zu. David Harvey verweist in die-
sem Zusammenhang jedoch auf die Wechselwirkungen mit privaten und semiprivaten Räumen. Ein 
öffentlicher Raum ist kein Solitär, sondern wirkt immer auch in Symbiose mit den ihn umgebenen 
baulichen Strukturen (Harvey 2006: 31 ff.). Öffentliche Räume in gentrifizierten Nachbarschaften 
oder kommerzialisierten Stadtzentren verlieren ihren Charakter als öffentliche Räume, weil die 
Stadtgebiete selbst exkludierend wirken. Der Charakter und die Ausstattung öffentlicher Räume ist 
demnach nicht nur Transmitter von sozialer Ungleichheit, sondern ein Mindestmaß an sozialer Ge-
rechtigkeit wird zur Voraussetzung für die Herausbildung von öffentlichen Räumen. 
Ausgegrenzte, diskriminierte und illegalisierte Gruppen in der Gesellschaft sind auf eine explizite 
Raumkontrolle zur Durchsetzung ihrer Schutz- und Sicherheitsbedürfnisse angewiesen, die ihnen in 
öffentlichen Räumen nicht immer garantiert werden kann. Darüber hinaus haben öffentliche Räume 
für diese Gruppen eine besondere Bedeutung, da hier eine demonstrative Repräsentation den An-
spruch auf eine gesellschaftliche Anerkennung sichtbar machen kann. Der gesellschaftliche Charak-
ter von öffentlichen Räumen wird hier besonders deutlich: Anerkennung und Diskriminierung sind 
weniger das Ergebnis von formalen, physischen und institutionellen Vorgaben, sondern werden erst 
durch die alltäglichen Interaktionen geschaffen. Auch hier wird die Wechselwirkung von öffentlichen 
Räumen und gesellschaftlichen Verhältnissen deutlich. Es ist eben nicht nur die Struktur von öffent-
lichen Räumen, die Diskriminierung oder Anerkennung hervorbringt, sondern es sind die gesell-
schaftlichen Exklusions- und Inklusionspraktiken selbst, die sich in öffentlichen Räumen entäußern.  
Setha Low und Neil Smith fassen die Bedeutung öffentlicher Räume sogar noch weiter und sehen in 
ihnen eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel überhaupt. So wären weder die Pariser 
Commune noch der Sturm auf das Winterpalais oder die Demokratiebewegungen in den Ländern 
Osteuropas (Ende der 1980er Jahre) und in den arabischen Ländern (2010er Jahre) ohne öffentli-
che Räume denkbar (Low/Smith 2006: 16). Die sozialen Bewegungen von heute stehen vor der 
Herausforderung, mit ihren Aktivitäten, neuen Technologien und Organisationsformen bestehende 
öffentliche Räume zu verteidigen und neue öffentliche Räume zu schaffen. Der öffentliche Raum in 
diesem Sinne ist kein physischer Ort und keine statische Eigenschaft, sondern vor allem eines: 
Ausdruck und Ergebnis einer kollektiven politischen Praxis. Der öffentliche Raum wird dabei immer 
umstritten und umkämpft sein – sonst wäre er kein öffentlicher Raum.
        

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