Technologischer Wandel & Ungleichheit 20
1 EINLEITUNG
1.1 ZIELSETZUNG UND MOTIVATION
Fragen der ökonomischen Wirkungen des technischen Wandels sind in den letzten
Jahren wieder ins Zentrum der ökonomischen und politischen Diskussion gerückt.1 Dies
gilt insbesondere für (wieder)aufgekommene Befürchtungen, dass der technologische
Wandel zum einen die Arbeitskräftenachfrage dauerhaft reduzieren und so zum An-
stieg der Arbeitslosigkeit beitragen könnte; zum anderen könnten sich dadurch aber
Auswirkungen sowohl auf die Verteilung zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen als
auch innerhalb der Arbeitseinkommen selbst ergeben. Dass es Entwicklungen in diese
Richtung geben könnte, leiten einige AutorInnen aus den beobachtbaren Auseinan-
derentwicklungen von Produktivität und Beschäftigung (nicht mehr nur in der Indust-
rie, sondern auch in der Wirtschaft insgesamt) und der zunehmenden Ungleichheit der
Einkommensverteilung ab (siehe Brynjolfson/McAfee 2011 und 2014, Ford 2015, Polt
2015).
Ausdruck der großen Bedeutung, die diesem Thema aktuell zugemessen wird ist u.a.
ein großes Projekt der OECD, das sich mit der Frage beschäftigt, wie Wirtschaftswachs-
tum so erreicht und gestaltet werden kann, dass möglichst alle Einkommensgruppen
daran teilhaben können (OECD Innovation for Inclusive Growth Project:2 siehe OECD
2015 a-c, OECD 2016 a-b, Paunov/Guellec 2015 und 2016). Unter dieser Generalfrage-
stellung untersucht die OECD auch mit der speziellen Frage, inwieweit technologischer
Wandel, Innovation und Forschung und Entwicklung (F&E), die als wichtige Wachs-
tumsmotoren in allen einschlägigen Konzepten und Politikempfehlungen aufscheinen,
zu einem solchen ‚inklusiven Wachstum‘ führen können oder ob diese Entwicklungen
auch Potentiale zur Vergrößerung von Ungleichheit haben und wie die Politik diesen
ggf. begegnen könnte (siehe OECD 2015 a-c, Paunov/Guellec 2015 und 2016). Im Fokus
standen hier verschiedene Wirkungsketten, über welche sich der Wandel zu einer im-
mer ‚wissensintensiveren‘ Produktion auf Ungleichheit auswirken kann.
Die Relevanz dieser Fragestellung, d.h. die Analyse der Auswirkungen von technologi-
schem Wandel auf Produktivität, Wachstum, Beschäftigung und damit auf die funktio-
nelle und personelle Einkommensverteilung in westlichen Industriestaaten, wird durch
1
Diese Fragen waren bereits in den 1930er Jahren sowie Mitte der 1980er Jahre Gegenstand intensiver Debatten um
die Möglichkeit einer ‚technologischen Arbeitslosigkeit‘. Siehe dazu etwa Emil Lederer (1932/1981) sowie Ulrich Briefs
et al. (1987)
2
http://www.oecd.org/sti/inno/knowledge-and-innovation-for-inclusive-development.htm