Full text: Arbeitsrecht (129)

drohten möglichst rasch Gewissheit verschaffen, ob das Dienstverhältnis beendet wird. Der Grundsatz der Unverzüglichkeit schließt aber eine angemessene Überlegungsfrist nicht aus. Verzögerungen, die sich durch die innerbetriebliche Organisation (zB Bildung einer Disziplinarkommission), durch die Prüfung besonders unklarer Tatbestände oder durch sonstige in der Sachlage begründete Umstände ergeben, sind daher gerechtfertigt400. Bei un- klarem Sachverhalt kann auch der Ausgang eines diesbezüglichen strafgerichtlichen Verfah- rens abgewartet werden401. Gibt der Arbeitgeber dem Angestellten Gelegenheit, den Entlassungsgrund zu beseitigen, dann ist auch eine nach dem Scheitern dieser Möglichkeit ausgesprochene Entlassung nicht verspätet402. Han- delt es sich bei den wichtigen Gründen um Dauerzustände403, so können sie so lange geltend ge- macht werden, als sie andauern404. Dieser Grundsatz ist sicherlich dann zu befürworten, wenn mit fortschreitender Dauer des wichtigen Grundes (zB längere Verletzung der Dienstleistungspflicht gem § 27 Z 4 AngG) auch das Ausmaß der Unzumutbarkeit der Weiterbeschäftigung steigt. Liegt hingegen zB ein Entlassungsgrund gem § 27 Z 3 AngG (Betreiben eines selbstständigen kaufmänni- schen Unternehmens) vor, so geht der Dienstgeber des vorzeitigen Auflösungsrechts verlustig, wenn er nach Kenntnis dieses Umstandes nicht in angemessener Zeit handelt405. Zu berücksichtigen ist schließlich, inwieweit Klarheit über den Entlassungsgrund besteht. Ein Auf- schub des Entlassungsausspruchs ist bei offenkundigen Entlassungsgründen nicht zulässig, wohl aber bei vorerst undurchsichtigen bzw zweifelhaften Sachverhalten406. Nimmt ein Austritts- oder Entlassungsberechtigter sein vorzeitiges Lösungsrecht nicht rechtzeitig wahr, so ist damit das Problem des Verzichts auf die Geltendmachung wichti- ger Gründe angesprochen. Der Verzicht stellt einen Rechtsverlust durch Willensakt dar407. Verzichtet also zB der Dienstgeber auf die Geltendmachung eines Entlassungsgrundes, so setzt dies voraus, dass er einerseits vom Entlassungstatbestand Kenntnis hat und dass er an- dererseits von seinem Entlassungsrecht nicht Gebrauch machen will. Der Verzicht muss je- Vorzeitige Auflösung aus wichtigem Grund 705 8.3.3. 397 ZB OGH 18. 12. 1950, 4 Ob 88/50, Arb 5229; OGH 30. 4. 1963, 4 Ob 24/63, Arb 7742; OGH 27. 6. 1969, 4 Ob 34/69, Arb 8634; OGH 26. 4. 2011, 8 ObA 14/11h, infas 2011, A 58; OGH 28. 10. 2015, 9 ObA 79/15f, DRdA 2016, 264 mit Bespr v Glowacka = ZAS 2016, 241 mit Bespr v Friedrich; s aber zur Einbeziehung früherer Verstöße OGH 28. 4. 2015, 8 ObA 12/15w, ARD 6458/7/2015 = DRdA-infas 2015, 238; Trattner, Zur Unverzüglichkeit von Entlassungen, ASoK 1999, 105; s auch OGH 27. 9. 2016, 8 ObA 58/16s, ARD 6521/11/2016. 398 OGH 6. 9. 1955, 4 Ob 109/55, Arb 6301; OGH 6. 12. 1955, 4 Ob 170/55, Arb 6350; OGH 26. 7. 2016, 9 ObA 111/15m, DRdA 2017, 141 mit Bespr v Ludvik = DRdA-infas 2016, 328. 399 OGH 10. 9. 1985, 4 Ob 97/85, infas 1986, A 34; vgl 8.3.2. 400 OGH 18. 12. 1956, 4 Ob 123/56, Arb 6566; OGH 27. 6. 1969, 4 Ob 34/69, Arb 8634; OGH 12. 1. 1965, 4 Ob 122/64, SozM I A/d, 615; OGH 10. 9. 1963, 4 Ob 74/63, Arb 7791; OGH 4. 3. 1980, 4 Ob 36/80, Arb 9856; OGH 25. 9. 1984, 4 Ob 84/84, infas 1985, A 51; OGH 6. 11. 1991, 9 ObA 138/91, DRdA 1992, 217 mit Bespr v Klein; OGH 10. 9. 1997, 9 ObA 112/97d, DRdA 1998, 207 mit Bespr v Mayr; OGH 18. 8. 2010, 8 ObA 53/10t, DRdA 2011, 547 mit Bespr v Majoros; vgl zum Unverzüglichkeitsgrundsatz bei juristischen Personen OGH 3. 3. 2010, 9 ObA 155/09y, DRdA 2011, 449 mit Bespr v Födermayr. 401 OGH 6. 9. 1988, 6 Ob 685/87, DRdA 1989, 213; zur Bindung der Zivilgerichte an Strafurteile vgl etwa OGH 3. 11. 1999, 9 ObA 147/99d, DRdA 2000, 503 mit Bespr v Burgstaller mwN. 402 OGH 12. 6. 1979, 4 Ob 43/79, Arb 9800; OGH 10. 9. 1985, 4 Ob 97/85, infas 1986, A 34. 403 ZB Verhinderung des Dienstnehmers an der Verrichtung der Dienstleistung wegen mehrmonatiger Untersu- chungshaft (OGH 28. 7. 1964, 4 Ob 41/64, Arb 7960); Dauer eines eigenmächtig angetretenen Urlaubs (OGH 31. 10. 1967, 4 Ob 65/67, Arb 8458); Unterlassung des Wiederantritts zur Arbeitsleistung (OGH 14. 5. 1985, 4 Ob 50/85, ZAS 1986, 133 mit Bespr v Runggaldier). 404 S auch OGH 30. 4. 1963, 4 Ob 24/63, Arb 7742; OGH 28. 7. 1964, 4 Ob 41/64, Arb 7960; OGH 15. 7. 1969, 4 Ob 56/69, SozM I A/d, 901. 405 Vgl Kuderna, Entlassungsrecht2 (1994), 19. 406 OGH 30. 3. 1982, 4 Ob 98/81, DRdA 1984, 233 mit Bespr v Apathy. 407 Vgl Gschnitzer/Faistenberger/Barta, Allgemeiner Teil des bürgerlichen Rechts2 (1992), 450 f. 8/234

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