Full text: Vergleich europäischer Systeme der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung (197a)

Bereich der Abwasserversorgung ist traditionell durch öffentlich-rechtliche Organisationsformen 
geprägt (Branchenbild Wasserwirtschaft 2005; 2008; 2015). Hier zeigt sich eine Verstärkung der 
interkommunalen Kooperation durch die Zunahme von Verbandslösungen (Zweckverbände, Was-
ser-/Bodenverbände bzw. sondergesetzliche Verbände). Gleichzeitig ist der Anteil von Regiebetrie-
ben von 44% auf 7% gefallen. 
Das „Rostocker-Modell“ – Vom PPP-Vorzeigeprojekt zurück zur öffentlichen Hand 
Im Jahr 1993 waren die städtischen Wasser- und Abwasseranlagen der Stadt Rostock und die von 
28 umliegenden Gemeinden durch einen Vertrag mit der Eurawasser Nord GmbH (ursprünglich Teil 
der Suez-Gruppe) im Rahmen eines Konzessionsvertrags für 25 Jahre privatisiert worden. Etwa 
200.000 BewohnerInnen und 320 Mitarbeiter waren betroffen. 
Die Gemeinden haben mangelnde Transparenz beklagt und auch seitdem den Mangel an Einfluss 
gegenüber dem privaten Betreiber. Im Vergleich zu anderen Städten sind die Preise um etwa 20 
Prozent höher, dies hat jedoch nicht automatisch zu einer höheren Qualität oder erheblich mehr 
Investitionen in die Wassernetze geführt. Das Unternehmen wurde vom privaten Eigentümer im Jahr 
2011 an die Remondis-Gruppe verkauft und die betroffenen Gemeinden hatten keinerlei Mitsprache-
recht beim Verkauf. 
Im Jahr 2014 beschloss dann das Rostocker Stadtparlament in Absprache mit den 29 anderen Ge-
meinden, den Vertrag zum Ende der Laufzeit im Jahr 2018, zu kündigen. Nach dieser Entscheidung, 
stoppte die Eurawasser Nord GmbH das Sponsoring von einigen Sportvereinen und von Veranstal-
tungen in der Stadt. Mit 1. Juli 2018 hat die kommunale Nordwasser GmbH die Wasserver- und 
Abwasserentsorgung für die Hansestadt Rostock und den Zweckverband Wasser Abwasser 
Rostock-Land mit seinen 28 Umlandgemeinden übernommen.  
Quelle: Hecht (2015), Gahrmann et al. (2012) 
Eine aktuelle Untersuchung der Wasserversorger in den 100 größten Städten Deutschlands, die 
30% der deutschen Bevölkerung versorgen und für rund die Hälfte der Trinkwassermenge verant-
wortlich zeichnen, weist ebenfalls auf eine Rücknahme von Teilprivatisierungen hin (Hesse et al. 
2016). In Bezug auf die beobachteten Verschiebungen der EigentümerInnenstrukturen heben die 
AutorInnen Restrukturierungen im Energiesektor als indirekte Ursache hervor (ebd.). Darüber hinaus 
weisen aber die oben gezeigten Verschiebung hin zu öffentlich-rechtlichen Organisationsformen auf 
eine Rückkehr der öffentlichen Hand hin. Insgesamt werden unterschiedliche Gründe für die Re-
kommunalisierungen ins Treffen geführt, einschließlich enttäuschter Erwartungen hinsichtlich der 
Privatisierungen, öffentlicher Druck durch zivilgesellschaftliche Kampagnen sowie rechtliche Aspek-
te (Lieberherr et al. 2016b; Bönker et al. 2016; Terzic 2017). 
 
In Ungarn wurden die meisten Privatisierungen aus den 1990ern in der Wasserver- und Abwasser-
entsorgung rückgängig gemacht. Dieser Trend ist durch zwei Elemente bestimmt: Zum einen durch 
die hohen Gewinne der Unternehmen und die hohen Wasserpreise, die etliche Städte eine 
Rekommunalisierung im Laufe der 2000er Jahre anstreben ließen. In diesem Zusammenhang 
beklagten einige Städte den starken politischen Druck aus Frankreich und weiteren Staaten diese 
Bemühungen nicht weiter zu verfolgen (Hall und Lobina, 2012). Zum anderen durch die Machtüber-
nahme Viktor Orbáns und seinen zunehmend nationalistischen Kurs der „illiberalen Demokra-
tie“ (Krastev 2017). In diesem Kontext haben zuerst einzelne Städte (z.B. Pecs, Borsoviz, Budapest)
        

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