Full text: Vergleich europäischer Systeme der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung (197a)

Traditionell drehen sich die finanzwissenschaftlichen Debatten um die Frage der Verantwortung für 
die Bereitstellung zentraler Infrastrukturen und analysieren die Vor- und Nachteile unterschiedlicher 
Regulierungs- und Organisationsmodelle (siehe auch Kapitel 2). Vor dem Hintergrund der zuneh-
menden Bedeutung des Finanzsektors für Ökonomie und Gesellschaft scheint die Einbezie-
hung des Finanzsektors als wichtige Ergänzung zu diesen Betrachtungsweisen, da die auf kurz- und 
mittelfristige Gewinne ausgerichtete Logik von Finanzinvestoren einer längerfristigen Betrachtung 
und einer nachhaltigen Infrastrukturfinanzierung und -bereitstellung entgegenstehen kann (Bowman 
et al. 2015; Mazzucato 2018).  
Die Diskussion um die „Finanzialisierung“ im Bereich von Infrastrukturen erscheint nicht zuletzt 
deshalb geboten, weil es zahlreiche politische Initiativen auf unterschiedlichen Ebenen gibt, den 
Infrastrukturbereich – einschließlich der Wasserver- und Abwasserentsorgung – für Finanzinvesto-
rInnen zu öffnen. Auf Ebene der G-20 wird seit 2010 intensiv an der Einbeziehung institutioneller 
InvestorInnen gearbeitet, die privates Kapital zur Beseitigung des globalen „Infrastructure Gap“ bei-
tragen sollen (McKinsey Global Institute 2016). Seither haben nationale Regierungen und eine Rei-
he von öffentlichen internationalen Finanzinsitutionen, einschließlich der Weltbank, OECD und 
multilateraler Entwicklungsbanken, zahlreiche Re-Regulierungsvorschläge erarbeitet und Initiati-
ven zur Einbeziehung privaten Kapitals gesetzt. Auf europäischer Ebene versucht u.a. der Juncker-
Plan (EFSI) im Rahmen einer Investitionsoffensive insb. privates Kapital anzuziehen. In Deutsch-
land wurde im Rahmen der von Sigmar Gabriel iniitierten und Marcel Fratscher geleiteten Kom-
mission zur Stärkung der Investitionen ebenfalls Vorschläge zur Beteiligung institutioneller Inves-
torInnen entwickelt (Plank 2018). Auch in Österreich hatte – auf politischer Ebene – zuletzt der „Plan 
A“ der SPÖ die verstärkte Einbeziehung privaten Kapitals in der gemeinnützigen Wohnungs-
wirtschaft moniert (SPÖ 2017). Schließlich hat sich mit Blick auf den Wassersektor zuletzt die 
OECD hervorgetan, als sie einen diesbezüglichen Bericht mit der wohl rhetorisch gemeinten Frage 
„Water – Fit to Finance?“ (OECD 2015b) übertitelt hatte. 
In der akademischen Literatur hat sich seit den 1990ern unter dem Begriff „Finanzialisierung“ ein 
disziplinär vielfältiges Forschungprogramm entwickelt, das sich mit dem Bedeutungsgewinn des 
Finanzsektors und seinen Auswirkungen auf Ökonomie und Gesellschaft beschäftigt. In seiner 
allgemeinsten und breitesten Definition versteht man unter Finanzialiserung „the increasing im-
portance of financial markets, financial motives, financial institutions, and financial elites in 
the operation of the economy and its governing institutions, both at the national and interna-
tional levels” (Epstein 2005: 3). Insb. seit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 hat 
sich die Finanzialisierungs-Forschung dynamisch entwickelt und ausdifferenziert. Eine der häufig
        

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