Full text: Achtung - Abwertung hat System

105 Martin Schürz Zorn auf die Reichen? Gedanken zur Angemessenheit eines Gefühls Das reichste Prozent der Weltbevölkerung hat etwa so viel an Vermögen wie die restlichen 99 Prozent. Manche Menschen macht dies zornig, andere fühlen sich nur ohnmächtig. Eliten warnen gerne vor den gefährlichen Eigenschaften von Wut. Soziales Engagement und Ungerechtigkeitsempfinden von Menschen werden besonders gerne abgewertet, indem Neid und Zorn als Motiv unterstellt werden.Was mehr Anlass zur Sorge gibt – Zorn über ungerechten Reichtum oder Zornlosigkeit angesichts einer eklatanten Vermögenskonzen- tration –, ist das zentrale Thema dieses Beitrags. Zorn bringt ein Unrechtsempfinden zum Ausdruck. Es macht uns zornig, wenn wir nicht bekommen, was uns unserer Ansicht nach zusteht (vgl. Shklar 1992: 139 ff.). Und Zorn bildet einen unerlässlichen Antrieb, gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen, Zorn kann im Vergleich zu feindseligen Gefühlen wie Hochmut und Hass ein sozial nützliches Gefühl sein (vgl. Kolnai 2007). Zorn kann aber auch als notwendig erachtet werden, um den Unterdrückten, die nach Gerechtigkeit streben, die nötige Kraft und Ausdauer in ihrem Kampf zu geben. Bei Aristoteles ist Zorn „ein von Schmerz begleitetes Trachten nach offenkundiger Vergeltung wegen offenkundig erfolgter Geringschätzung, die uns selbst oder einem der Unsrigen von Leuten, denen dies nicht zusteht, zugefügt wurde“ (Aristoteles 1999: 78). Dieser Definition sind Standesdünkel eingeschrieben. Von „Unsrigen“ ist die Rede und von Leuten, „denen dies nicht zusteht“. Aristoteles sah den Zorn ambivalent. Dieser diene manchmal der Tugend und der Tapferkeit – und er biete auch seine Freuden. Doch für viele Menschen sei Zorn nur quälend und zerstörend (vgl. ebd.).

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